Unterwäsche 1890-1900

Eines meiner Nähprojekte für dieses Jahr war, endlich Unterwäsche für ein Set von Kleidung zu machen, dass ich schon lange fertig habe. Das Set besteht aus einem Rock, einer Bluse und einer Jacke (plus Hut und Schuhe), aber alles andere habe ich nie genäht. Diesmal wollte ich es richtig machen.

Das volle Set, Bluse aus Baumwolle, Jacke aus Wolle mit einem Mischgewebe, Rock Mischgewebe und Baumwolle.

Aber was trägt eine Dame zwischen 1890 und 1900 denn darunter?

Das FIDM Museum in Los Angeles hat ein komplettes Set Unterwäsche. Der Link dazu ist hier zu finden. Es besteht aus einem Unterrock in weiß, einem Unterrock in rosa, einem Korsett, einem Bustlepad und unter allem ein Unterhemd.

Auf jeden Fall einen Unterrock. Dieser hier befindet sich im Metropolitan Museum in New York, ist datiert zwischen 1875 und 1925 und aus Seide. Hier klicken für den Eintrag im Katalog. Unterröcke konnten viele Formen (vor allem was die Rüschen anging) annehmen und waren nicht immer weiß. Beispiele hier, dort und hier.

Meine Version ist nicht aus Seide, sondern aus Baumwollsatin, aber in einer ähnlichen Farbe:

Mehr Rüschen und mehr Falten, aber da ich ein Bustlepad hinzufügen werde, sind die Falten auch nötig.

Dann immer ein Korsett, zum Beispiel so eins:

Copyright: © Victoria and Albert Museum, London 2017

Dieses Korsett befindet sich im Victoria und Albert Museum in London. es ist datiert auf 1895-1900, wurde entweder in England oder Deutschland gefertigt und ist aus Baumwolle. Hier sind alle Informationen hinterlegt.

Mein Korsett ist ebenfalls aus Baumwolle, aber in grün und deutlich leichter mit künstlichem Fischbein verstärkt als das Beispiel oben. Korsetts konnten jede Farbe haben, hier zum Beispiel ist ein knallgelbes aus Seide zu finden.

Das Schnittmuster für das Korsett ist hier zu finden.

Fehlt noch das Unterhemd, das hier schon unter dem Korsett zu sehen ist. Ich habe ein Beispiel aus dem Met Museum herausgesucht, das aus Baumwolle ist:

In Frankreich gefertigt und auf ca. 1890 datiert ist auch dieses Unterhemd mit Spitze verziert und hat eine Schleife am Ausschnitt. Spitzen und Schleifen waren damals Trend. Der Link zum Unterhemd findet sich hier.

Zugegeben, mein Unterhemd ist ganz anders geschnitten. Und ich habe Baumwollspitze besorgt, mich dann aber dagegen entschieden, diese auch anzunähen. Ich wollte eine schlichte Version eines Unterhemdes.

Keine Schleifen, keine Spitze. Dafür aber absolut in der modernen Waschmaschine waschbar. Das Schnittmuster ist dieses: Link

Damit der Unterrock und der Rock nicht nach hinten herunterziehen aufgrund des Gewichts der vielen Falten und damit die korrekte Silhouette erreicht wird habe ich noch ein kleines Bustlepad oder Pokissen hinzugefügt. Die Idee dazu stammt von hier und ein Beispiel habe ich hier gefunden:

Der Text zum Bild lautet: “Schwarzes Bustle-Kissen, das mit Rosshaar gefüllt ist. Aus den 1890er Jahren. Mit Nieten versehen, um die Luftzirkulation zu unterstützen. Originale Bindeschnüre.” von www.antique-gown.com

Mein Bustlepad ist aus Baumwolle, hat ebenfalls Belüftungsnieten (wenn auch kleine) und ist zweiseitig, weiß und sschwarz, damit ich es unter hellen und dunklen Röcken tragen kann.

Damit wäre mein Unterwäscheset komplett! Ein Unterrock reicht mir.

Es gibt aber noch einiges mehr an Unterwäsche, das zwischen 1890 und 1900 getragen werden konnte. Da wären zum einen die berühmten combinations, die Unterhemd und Unterhose in einem waren:

Dieses Bild ist von Pinterest (klick), aber die combinations selbst befinden sich im Met Museum: klick

Weiterhin gab es aber auch Unterhosen, die ebenfalls schön mit Spitze verziert waren.

Ein Beispiel, wieder aus dem Met Museum, aus Baumwolle und von ca. 1890. Es gab aber auch sehr viel verziertere Versionen: Link und Link.

Weiterhin, und das ist etwas, das ich gern noch hinzufügen möchte, gab es sogenannte “Korsettcover”, quasi ein Hemd für über das Korsett zum Schutz des Korsetts. Dieses konnte ganz schlicht sein, wie dieses:

Aus Seide und Baumwolle, datiert auf 1885-90, gefertigt in Frankreich und definitv keine Größe S. Ja, die meisten Frauen um 1900 waren ganz wie Frauen heute in allen Formen und Größen gebaut, und die schmale Taille wurde oft durch Auspolsterungen an der Hüfte (siehe Bustle) und weite Ärmel (siehe Bluse und Jacke) optisch erreicht und war nicht tatsächlich winzigklein. Der Link zum Objekt ist hier.

Es gab aber auch Korsettcover, die vor allem im Brustbereich ordentlich mit Rüschen versehen waren, damit die gewünschte Silhouette erreicht werden konnte, die eben mehr Volumen “Obenrum” forderte.

Bevor ich nähe betreibe ich in der Regel einiges an Recherche. Die Schnittmuster, wenn ich eins verwende, sollten möglichst originalgetreu sein, am besten von existierenden Objekten abgenommen. Dennoch nähe ich Sachen um 1900 mit der Maschine, da die Nähmaschine da schon längst erfunden und auch in allgemeiner Benutzung war.

Wer mehr von der Unterwäsche und dem Anzug sehen möchte, ich habe zu diesem Thema ein YouTube-Video:

Dressing an 1890s Working Woman

Viel Spaß beim Schauen und ich freue mich hier und bei YouTube über Kommentare!

Ein originales Kleid von ca. 1918

Ein kommentiertes Video zu dem Kleid gibt es hier: Youtube Stephanie Sews

Im Juni hatte ich Glück auf etsy: Es wurde ein Kleid von um 1910 für einen Preis angeboten, den ich mir leisten konnte. Und auch in einem Zustand, in dem ich ein Kleid haben wollte. Ich habe es hier gefunden. Mein Kleid wurde super schnell aus den USA versendet, aber es hing dann für drei Wochen im deutschen Zoll fest. Die Zollgebühr war übrigens ganz ok, das komplette Unterfangen hat mich ca. 200 € gekostet. Es ist nicht überliefert, wem das Kleid gehört hat, sicher ist nur, dass es in den USA getragen wurde.

Soviel zur Vorrede. Nun aber zum Kleid! Als erstes: Keins meiner Bücher über Kostümgeschichte hat auch nur eins solcher Kleider erwähnt. Dabei waren weiße Kleider mit Spitze wohl ein absoluter Trend bis in die 20er Jahre! Eine einfache Google-Suche ergibt gleich mehrere Fotos mit Frauen, die solche oder ähnliche Kleider tragen:

Suchbegriffe sind “1910s photography summer”, nicht einmal “white dress” oder dergleichen.

Eine etwas genauere Suche ergibt noch mehr von diesen wunderschönen Kleidern:

Die Suchbegriffe sind “1910s white cotton dress sailors collar”. Beide Suchen durchgeführt am 27.07.2020.

Was mit bei der zweiten Suche aufgefallen ist: Einige der Kleider sind mit “Tea dress”, also Teekleid, bezeichnet. Ich war mir eigentlich sicher, kein Teekleid erworben zu haben, denn ich hatte mich im Vorfeld schon mit Teekleidern beschäftigt (hier), und die weißen, sommerlichen Kleider sind eigentlich keine Teekleider. Und ja, da ich keine Bücher verfügbar habe, folgte eine weitere Internetsuche, die diesen und diesen Link zum Vorschein brachte (beides vertrauenswürdige Quellen, denen ich schon lange folge). Dank Leimomi von The Dreamstress weiß ich nun auch, wie die genaue Bezeichnung für mein Kleid lautet: Ein Lingerie-Kleid!

Das Lingerie-Kleid war in Mode von 1900-1920 und bezeichnet einen Stil von Kleid, das mit Stickerei, Spitze, kleinen Fältchen, Rüschen und Bändern übermäßig verziehrt war (ähnlich wie die übliche Unterkleidung, daher der Name “Lingerie”). Es begann als Teil eines Revivals des 18. Jahrhunderts um 1900 herum (vergleiche Robe á la polonaise) und war inspiriert von der Chemise á la reine. Getragen wurde dieser Typ Kleid vor allem auf Gartenpartys, bei Pferderennen und genrell bei Aktivitäten im Freien. Es wurde immer mit einem Unterkleid getragen, das gern auch pastellfarben sein konnte. Zu einem Lingerie-Kleid gehörte ein passender Hut, manchmal auch Handschuhe und ein Sonnenschirm, je nachdem, wie formal der Anlass war. Das Kleid war weiß und häufig aus Baumwolle, da weißer Stoff waschbar war. Ja, weiß galt als geeignete Farbe für Gartenkleider. Weiß konnte nicht ausbleichen und auch nicht in der Wäsche abfärben, wie die damals verfügbaren Stoffarben. Die Stoffwahl Baumwolle weißt auch auf Sommerkleider für heißes Wetter hin. Lingerie-Kleider wurden als Grundbestandteil der Garderobe einer gut gekleideten Frau betrachtet.

Und ja, es sind vor allem in den USA viele dieser Kleider erhalten. Kleider, die meinem ganz ähnlich sehen, tauchen immer wieder auf Auktionen auf, wie hier bei Augusta Auctions.

Drei Kleider, die 2014 bei Augusta Auctions versteigert wurden.

Bevor ich mein eigenes Kleid vorstelle, möchte ich noch eine kleine Kuriosität zeigen: Ich hatte in meiner persönlichen Sammlung von alten Fotos zwei Bilder von einer Garten- oder Landpartie, in der die Frauen weiße Kleider tragen. Ich denke, sie sind etwas früher als 1914 unterwegs gewesen, allein vom Schnitt der Kleider her, aber dennoch, weiße Kleider für den Sommer – bestätigt!

Foto aus meiner persönlichen Kollektion, erworben vor Jahren in einem Antikladen. Man baeachte vor allem die Dame hinten links. Die Dame hinten rechts trägt eine Lingerie-Bluse, die ebefalls ein Trendkleidungsstück war.
Ich frage mich, was feines in dem Topf war, der Herr vorn rechts hält schon die Kelle bereit!
Hier sieht man vor allem am Kleidersschnitt des Kleides der Dame rechts, dass diese Kleider früher datieren als meins.

Und jetzt Bühne frei für den Star des Blogartikels: Mein ca. 1918 Lingerie-Kleid!

Dieses Foto ist von bonblu von etsy, da meine Kleiderpuppe zu groß für das Kleid ist.

Was ich von diesem Foto allein sagen konnte: Das Kleid ist eher aus den mittleren bis späten 1910er Jahren, denn es hat keine eng anliegenden Ärmel mehr, die Taille ist eher lose und sitzt tiefer als noch bei der Gartenpartie von meinen Fotos, und der Rock ist nicht mehr Bodenlang. Ich würde sogar sagen, dass es von ca. 1918 ist, denn ich habe ein Foto von 1918 gefunden, auf dem eine Dame ein ganz ähnliches Kleid trägt:

Die Dame vorn in weiß in der Mitte, aber ebenso die Damen im dunkleren Kleid neben ihr geben gute Hinweise für eine Datierung meines Kleides. Das Bild habe ich hier gefunden.
Und das ist mein Kleid von hinten, man beachten den Matrosenkragen. Das Foto ist wieder von bonblu.
Flach liegend auf Seidenpapier wirkt es doch ein bisschen traurig. Aber man kann hier schon die wirklich verückte Verschlussvariante sehen, die die Schneiderin gewählt hat.

Ein paar Daten zum Kleid: Es ist aus Bauwolle, aber welche Stoffart genau kann ich nicht sagen. Sehr druchsichtig. Es ist nicht gefüttert im Rockteil, aber das Oberteil ist mit Tüll (!) gefüttert. Es musste ganz sicher über passender Unterwäsche und einem Unterkleid getragen werden, das Unterkleid war definitv nicht Teil des Kleides, denn es war nie ein Unterkleid eingenäht. Der Stoff ist teilweise in sich mit eingewebten Streifen dekoriert, aber die Bandverzierung am Saum und am Gürtel ist nachträglich mit der Maschine angenäht wurden. Die Nähte sind französich. Die Dekoration ist von Hand angenäht, zum Beispiel der Gürtel und die Spitze. Letztere ist mit einem winzigen Saumstich angebracht. Das Kleid hat, innen gemessen, eine 63 cm Taille, 36 cm Rückenlänge und 86 cm Rocklänge, ist also definitv eher wadenlang.

Am Rücken ist das Kleid unterhalb des Gürtels fein gerafft. Dieser Teil ist ebenfalls handgenäht. Innerhalb der Streifen befinidet sich eine Art rundes Band.

Geschlossen wird das Kleid mit einer Variante von Haken und Augen und Druckknöpfen. Erst schließt die Trägerin ein innenliegendes zweites Band, dann das Tüllfutter, dann den Gürtel mit Druckknöpfen und dann klappt das Kleid mit den kleinen puffigen Knöpfen, von denen neun erhalten sind und rein dekorativ in zwei Reihen an der Vorderseite angebracht sind, zur linken Seite und wird mit Druckknöpfen geschlossen. Einer der Ärmel hat einen Druckknopf, der andere nicht, und ich denke auch nicht, dass dieser Ärmel je einen hatte.

Die Vorderseite mit neun Knöpfen, das Foto ist wieder von bonblu.
Ich hoffe, ich habe den Verschluss ausreichend gut erklärt. Hier ist auch die Stelle, bei der ich vermute, dass das Kleid daheim genäht wurde. Es sind einfach so viele Haken und Augen und Druckknöpfe, manche scheinen nachträglich angebracht worden zu sein, und das Kleid hat eben kein Label. Aber die Schneiderin hatte durchaus Ahnung, was sie da tut.
Hier nochmal der Verschluss von außen, auf meiner zu großen Schneiderpuppe.
Der feine Matrosenkragen.
Ärmeldetail – das ist der Ärmel ohne Druckknopf.
Das ist der andere Ärmel mit dem Druckknopf. Der Druckknopf hält den Ärmel zusammen.
Das Kleid hat einen 12 cm breiten, einfach umgeschlagenen Saum. Dieser ist von Hand mit kleinen Geradstichen angenäht.

Insgesamt bin ich sehr glücklich mit meinem Kauf! Je öfter ich das Kleid aus seiner mit Seidenpapier ausgelegten Box hole, desto mehr entdecke ich. Nicht das ich es je tragen würde, aber es ist mir viiieeel zu klein. Unter einem Arm hat es ein Loch und ein paar Rostflecken von den Augen sind auch zu sehen, aber sonst ist es in wirklich gutem Zustand. Eventuell werde ich das Kleid einmal für mich nachnähen, das ist aber ein laaanges Projekt und wird allein für die Stoffsuche viel Zeit in Anspruch nehmen. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich habe ein paar Videoclips beim Auspacken gedreht, es wird also noch ein Video zum Lingerie-Kleid geben.

Wenn es Fragen zum Kleid gibt, schreibt mir gern einen Kommentar oder eine Nachricht über das Kontaktformular!

Youtube Videos von stephanie.sews

Ich habe seit kurzem einen Youtube-Kanal. Dort gibt es Videos zu meinen Kleidern, vor allem, was alles zu einem Outfit gehört und wie frau es anzieht.

Mein Kanal ist hier stephanie.sews.

Ein Video zu einer besonderen robe á la francaise (english): 18th century.

Das Video zum Schokoladenmädchen auf Deutsch: Schokoladenmädchen.

Das Video zum Schokoladenmädchen auf English: Chocolate Girl.

Viel Spaß beim Schauen!

Schokoladenmädchen Finale

Ich habe mir ein Stativ gekauft. Deshalb ohne viele Worte einige Fotos vom Schokoladenmädchen mit mir in Jacke und Kleid drin.

Zwei Dinge: Ich habe die Fotos im warmen Nachmittagssonnenlicht gemacht, weshalb ich den kühlen Farbton des Pastells nicht ganz treffen kann (ich mag das warme Licht aber sehr). Und Jacke und Rock sind immernoch farblich umgekehrt, aber je länger ich mich mit den Bildern beschäftigte, desto weniger stört mich das. Vielleicht gab es auch solche Schokoladenmädchen.

Links: Stephanie, 2020, Handyfoto und Bearbeitung mit Krita. Rechts: Jean-Étienne Liotard, Das Schokoladenmädchen 1774, , Pastell

Ich stelle mir Nandl mittlerweile als freches Mädchen, aber gut in ihrer Arbeit als Kaffeehausbedienung vor. Nandl war bestimmt nicht schüchtern, hat sich aber an die geltenden gesellschaftlichen Regeln ihrer Zeit gehalten. Leider weiß die Geschichte nichts genaues von Nandl oder Anna.

Übrigens trägt das Schokoladenmädchen all dies hier:

Jacke, Rock, Unterrock, Taschen, Pokissen, Schnürbrust, Unterhemd, Haube und Schürze.

Das Darunter sieht so aus (und ich liebe, dass das prinzipiell ein Unterwäschefoto von mir ist, aber niemand da so warnehmen wird!):

Die Schuhe sind ein nur ersatzweise da, ich besitze ein helles Paar Theaterschuhe in der korrekten Form. Diese sind nur gerade in einer anderen Stadt. Die roten Schuhe mussten jetzt ausreichen.

Ich hoffe, dass sich irgendwann eine Gelegenheit ergibt, dieses Kleid auch gebührend auszuführen (ich denke da an einen Kaffeehausbesuch)!

Schokoladenmädchen 3

Teil 1 der Geschichte und Teil 2 sind hier und hier zu finden.

Und es ist fertig! Ein Gutes hat das ganze Kurzarbeiten und daheim bleiben ja, dieses Projekt war überraschend schnell fertig. Alles neue (außer der Jacke) ist handgenäht, und handnähen dauert wohl doch gar nicht so lang, wie ich anfangs dachte. Mein Youtube-Video-Konsum ist leider damit sehr in die Höhe geschnellt. Ich habe manche Tage bis zu 3,5 Stunden Video geschaut, aber das waren auch die Tage, an denen ich mit der Hand genäht habe. Da ist ein bisschen Unterhaltung hilfreich.

Jedenfalls folgt hier nun das fertige Schokoladenmädchen – reverse, und irgendwann werde ich Fotos nachreichen, auf denen ich das ganze Outfit trage und ein Tablett halte. Das ist gerade aber aus verschiedenen Gründen nicht möglich.

Die Profilansicht, wie sie auch auf dem Pastell zu sehen ist. Die Haube schaut etwas traurig aus, wenn da kein Kopf drin ist!

Ich mag tatsächlich die Schürze doch sehr gern, der weiße Baumwollstoff ist gerade durchscheinend genug. Die Farben sind auf dem Pastell eher matt und gedämpft, aber zum einen ist es eben ein Pastell, zum anderen sind die Kleidungsstücke des Schokoladenmädchens nicht mit modernen Farben gefärbt worden. Ich mit den bunten Farben zufrieden.

In der Frontansicht kann man gut sehen, das die Schürze, wie erwähnt, nicht voll genug ist, aber dünn genug, um Jacke und Rock durchscheinen zu lassen.

Es fehlte am Gesamtbild ja nur noch die Haube. Die Seide dazu war ja schon eingetroffen, nur hatte ich nicht bedacht, das ich für den vorderen Haubenstreifen festes Material brauchte. Da einfach so in den Stoffladen gehen an dem Tag noch keine Option war habe ich mich für einen festen Karton entschieden, den ich noch da hatte. Das gleiche gilt für die Spitze, die nicht füllig genug ist und eventuell nochmal überarbeitet wird – obwohl mir die Spitze an sich gefällt. Das blaue Band musste ich dann auch noch bestellen, da ich nur grünes Band hatte.

Eine Nahaufnahme der Haube im Profil.

Die Haube war dann leider doch kein Projekt, dass ich aus vorhandenem Material bestreiten konnte. Da ich nicht gut im Hauben machen bin und auch keinen Spaß daran habe, bin ich aber mit dem Ergebnis sehr zufrieden! Mit einem Dutt, wie ihn das Schokoladenmädchen wohl drrunter trägt, formt sich meine Haube wie im Pastell von Liotard wiedergegeben. Das blaue Band ist übrigens ausreichend, um die Haube am Kopf zu halten, keine Nadeln notwendig. Daher ist das Band auch lose.

Damit ist das nächste große Nähprojekt fertig! Ich hoffe, dass ich es irgendwann ausführen kann.

Warum ich auf dem WGT so gern Kostüme trage

Ich gehe seit 17 Jahren auf das Wave-Gotik-Treffen. Ich fühle mich schon lange der Schwarzen Szene zugehörig, denn da passe ich am ehesten hin. Deshalb folgen ab jetzt meine 1000 Wörter zur ewigen Diskussuion über die sogenannte “Kostümfraktion”. Mitgothics werden genau wissen, was ich meine, aber für alle Außenstehenden: Innerhalb der Schwarzen Szene gibt es schon seit Jahren ein Diskussion über verschiedene Kleidungsstile, besonders angefeindet werden dabei die Cyber-Gruftis und die Kostüm-Interessierten. Über erstere kann ich gar nichts sagen, da ich mich mich weder so kleide noch die passende Musik mag. Aber, oh boy, zur Kostümfraktion habe ich eine Menge zu sagen! Das soll kein Verteidungspost werden, sonders es wird ein biografisch basierter Eintrag werden, der zur Diskussion mehr Einsicht und Erkenntnis beitragen soll.

Anfangen möchte ich mit der Musik. Wie oben erwähnt hören Szenemitglieder oft, aber nicht immer, gern passende Musik zu ihrer Kleidung. Grob vereinfacht im Fall vom Beispiel Cybergoth eben elektronische Musik, die sich für mich nach utz-utz-utz anhört, die Kostümfraktion gern Musik, die ich am bestend mit “wallend” beschreiben kann. Ein kurzes, grob vereinfachtes Beispiel zeigt: Es gibt da einen Zusammenhang zwischen Kleidung und Musik. Es folgt, wie so oft in der Schwarzen Szene, ein ABER: Das trifft nicht immer zu. Es gibt auch Leute, die sich jeden Tag des Festivals einer anderen Richtung entsprechend kleiden. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus ist der typische WGT-Besucher aber entweder/oder, bleibt also seinem Stil über die Festivaltage treu.

Was für ein Festival eigentlich? Das Wave-Gotik-Treffen, kurz WGT, findet seit 28 Jahren jedes Jahr zu Pfingsten in Leipzig statt und ist einer der großen Szene-Treffpunkte. Die ganze Stadt wird etwas dunkler, da die Veranstaltungsorte über ganz Leipzig verteilt sind. 20000 Besucher jedes Jahr, und die Bevölkerung kommt gut damit zu Recht. Haben sich wohl dran gewöhnt, die Guten. Man findet sich hier und insgesamt als Szene

[…] aufgrund ähnlich lautender Motive zusammen. Die düster-morbide Ästhetik steht dabei nicht alleine im Vordergrund. Vielmehr ist es das Wissen, in der Szene Gleichgesinnte für den Ausdruck der eigenen Gedanken und Gefühle in Bezug auf das Leben an sich und das Dasein in dieser Gesellschaft zu finden, […].

Kisten Wallraff: Die Gothics Teil 2. Weiss wie Schnee, Rot wie Blut und Schwarz wie Ebenholz, Hrsg. vom Archiv der Jugendkulturen, Berlin 2001.

Und das habe ich aus einem Buch, das auch schon 18 Jahre alt ist und welches an der selben Textestelle darauf verweist, das sich daran seit 20 Jahren nicht viel geändert habe. Und dem stimme ich zu. Ich war 2002 das erste Mal mit Eintrittskarte auf dem WGT, und es hat sich nach ankommen angefühlt. “Diese Leute sind so wie ich!”, dachte sich mein 15jähriges Ich.

WGT 2006, noch in gekauften Sachen und mit den typischen Stahlkappenschuhen zum Mittelalter-Inspirierten Kleid

Von Anfang an spielte Kleidung eine große Rolle. Und damit meine ich mich und die Szene. Woher kommen sonst die ganzen Bilder von Gruftis, die schon im Jahr 1995 Reifröcke trugen? Sich selbst über Kleidung auszudrücken ist so typisch Jugendkultur, hier eben in der düsteren Spielrichtung. Ich habe mich zuerst nur für das Mittelalter interessiert, habe alles gelesen, was über das Leben im Mittelalter finden konnte, und Musik ohne Dudelsäcke fand ich ganz blöd. Noch habe ich meine Kleidung von meinen Eltern gekauft bekommen. Mit der Zeit erweiterte sich mein Musikgeschmack, und das Vorbild anderer Festival- und Clubbesucher brachte mein Interesse an aufwändigeren Kostüme voran. Seit einigen Jahren, und auch bedingt durch das Studium der Kunstgeschichte, gilt mein Interesse der historischen Kleidung von Rokoko bis edwardianisch (englisch)/wilhelminisch(deutsch). Gern mit einem düsteren Twist, aber meist in Farbe und Form korrekt (wen auch noch nicht historisch korrekt von Hand genäht).

In meiner Schulzeit, meiner Ausbildungszeit und am Anfang meines Studiums habe ich noch keine Kompromisse gemacht. Da gehöre ich hin, so kleide ich mich 24 Stunden, 7 Tage die Woche. Bodenlange Röcke und Korsetts im Hörsaal? Check. Aber damit fährt es sich schlecht Rad, und potentielle Arbeitgeber finden das auch nicht so klasse, nicht mal im Kulturbetrieb. Also stimmte ich mein Gruftitum im Arbeitsleben von vornherein etwas herunter und bin damit auch noch nie wirklich angeeckt. Meine Lieblingskritik an der Kostümfraktion ist ja immer “Tragen die das auch im Alltag?!? Wen nein, gilt es nicht!” Wie ich das hasse. Als ob der sonstige Gote immer die Möglichkeite hat, sich die Haare für seinen Job hochzustellen. So sehr kann ich meine Augen gar nicht verdrehen. Ist man nicht selbstständig im Kreativbereich kann man das Argument vergessen. Ich glaube nicht, das ich übertreibe, wenn ich sage, dass die meisten Gothics ihre Arbeitskleidung anpassen müssen. Ich habe derweil kein Problem mehr mit “corporate goth”. Schwarz als Grundfarbe geht immer, und Radfahren kann ich in Hosen auch prima. Daheim kann ich mich dann immer noch in meine Pluderhosen werfen.

WGT 2007, das Interesse an Kostümen steigt. Die Maske habe ich mir aus dem Venedig-Urlaub mitgebracht, genau wie den Schirm.

2007 ist dann etwas passiert: nach einem Urlaub in Venedig, von dem ich mir viele Accessoiries mitgebracht habe (sowas gabs damals nicht einfach so im örtlichen Gothicshop!), bekam ich plötzlich durch meine Kleidung auf dem WGT Aufmerksamkeit. Vor 2007 ging es darum, möglichst viele Konzerte zu besuchen, danach kam das sehen-und-gesehen-werden dazu. Noch ganz harmlos, bisschen Aufmerksamkeit von der Presse ist ja nett.

ARCHIV – Zwei Anhänger der Wave-Gotik-Szene, aufgenommen am 31.05.2009 beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig. Am kommenden Pfingstwochenende wird Leipzig wieder zum Mekka der Gothic-Szene. Rund 20 000 Anhänger der düsteren Musik werden zum 19. Wave-Gotik-Treffen (WGT) erwartet, das das weltgrößte seiner Art sein soll. Foto: Peter Endig dpa/lsn (zu dpa 0104 vom 20.05.2010) +++(c) dpa – Bildfunk+++

2009 dann das dpa-Foto – oben mit dazugehörigem Text. Ich bin ganz froh, das ich und mein Begleiter da maskiert sind, das Bild war ÜBERALL. Ich war angefixt. Da hatten wir beide noch wenig genug Gepäck, um die Reise zum Festival mit der Deutschen Bahn anzutreten, das sollte sich aber schnell ändern.

WGT 2010, mein erstes selbgemachtes Kleid. Hier habe ich herausgefunden, dass ich nähen kann.

Was ich tragen wollte gab es so nicht zu kaufen. Also habe ich mir die Nähmaschine meiner Mutter ausgeliehen und einfach angefangen. Der Stoff stammt aus dem Karstadt, die Dekoration aus dem örtlichen Stoffladen, die Glitzersteinchen hat Mama organisiert. Es gab noch keinen Internetversand für Material speziell für den gotischen Handwerker, geschweige denn Schnittmuster. Das ist eigentlich am Anfang mal typisch für die Szene gewesen: Wollte man etwas, hat man es selbst gemacht. Große Versandhäuser für Gothicmode wie XtraX sprangen zwar auf den Zug auf, aber der Konsens des Selbstmachens blieb – vor allem, wenn man individuell sein wollte.

WGT 2011. Alles außer der antiken Halskette ich selbst gemacht, auch das Korsett. In dem Jahr habe ich 57 Fotos von mir&meinen Freunden vom WGT im Internet gefunden. Dieses Foto ist von Thomas Bunge.

Leider muss ich zugeben, das 2011 für mich die Waage gekippt ist. Jetzt ging es nur noch ums Aussehen. Ich habe jeden Tag ein anderes Kleid getragen, das ich das Jahr über selbst gemacht hatte (wegen der Individualität und so). Mit Nebenjob und Studium ging das auch. Der “Erfolg” zeigt sich schnell, 57 Fotos in fünf Tagen! So hübsch! So toll! So erfolgreich! Schluss mit der Ironie: mir ging es da nicht immer gut. In dem Outfit oben wäre ich auf dem Mittelaltermarkt beinah ohnmächtig geworden, denn ich musste ja die schlankste Taille haben. So ein Blödsinn.

WGT 2012, das Jahr mit 25 Fotos im Internet, eins davon hat es sogar auf die WGT-Webseite geschafft. Ab jetzt schwenke ich um zur historischen Kleidung, hier eine “Chemise á la reine”, 18. Jahrhundert.

2012 hat sich die Kostümfraktion bei mir richtig herausgebildet. Wir reisen mit einem gemieteten BMW an, der bis an die Oberkante mit Kleidung und Zubehör gefüllt ist. Warum, weiß ich nicht. Spaß hats nicht unbedingt gemacht. Das fertig machen dauerte gefühlt länger als der Festivaltag, und die ganzen schönen Kleider zu beaufsichtigen ist anstregend. Ich treffe mich ausschließlich mit Leuten, die auch gern Kostüme tragen.

WGT 2013, alles selbst gemacht, auch der Kopfschmuck.

2013 ist mir dann wieder eingefallen, warum ich eigentlich zum WGT gehe. Ich trage immernoch jeden Tag ein anderes Kleid, aber die Aufmerksamkeit der Leute mit Fotoapparat ist mir nicht mehr ganz so wichtig. Ich trage, was bequem ist, was ich selbst gemacht habe und herzeigen will. Ich treffe mich mit allerlei Leuten, was so weit geht, das ich mit einer Gruppe Stammkunden aus dem Club auf den Stamm-DJ des Clubs treffe. Warum gehen wir alle nochmal zum WGT? Zum Treffen, genau.

WGT 2014, jetzt trage ich nur noch komplett selbst gemachtes nach historischem Vorbild. An dem WGT war es auch unglaublich heiß.

Es wurde wieder besser mit mir und dem WGT. Ich nähe immmer noch das Jahr über Kleidung nach historischem Vorbild für mich, aber Bachelorarbeit und dann der Master und nun zwei Nebenjobs rücken andere Dinge in meinen Fokus. Ich habe einen Heidenspaß, fast alle Tage weiß zu tragen – die Trendfarbe des 18. Jahrhunderts, nicht unbedingt die Trendfarbe des WGT. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen, eine Haltung, die ich seither beibehalten habe. Ich trage, was wettergerecht und schön für mich ist. Endlich habe ich Zeit für das umfangreiche kulturelle Programm des WGT. Ich hatte mir jedes Jahr aufs Neue vorgenommen, mal ein Museum im Rahmen des WGT zu besuchen, und ab jetzt klappt das auch.

WGT 2015, in einem edwardianischen Ensemble.

Mit Kleidung wie dieser macht das WGT 2015 Spaß. In diesem Jahr lasse ich erstmals das “Viktorianische” Picknick am Freitag weg. Ursprünglich als kleine, private Veranstaltung für Bekannte aus der Kostümfraktion von Viona Ielegems geplant, hat sich dieses über die Jahre zur öffentlichen Massenveranstaltung entwickelt. Man braucht kein Bändchen dafür, was Ein-Tages-Gruftis (also Leute, die sich für den einen Tag mal gruftig anziehen), Gaffer und Fotografen en Masse anzieht. Hier gilt auschließlich sehen und gesehen werden. Was auch mal zum Treffen und Inspiration sammeln gedacht war ist nur noch unangenehm. Ich versuche das Picknick seither zu meiden, aber das klappt nicht immer. Letztes Jahr (2018) stand ich mit gepackten Picknickkorb bereit, als ein privates Picknick abgesagt wurde, und dann war ich doch da. War doof.

WGT 2016, wieder in weiß, eine Art Robe á la anglaise diesmal.

2016 war sowas von kalt. Aber ich hatte meine Outfits entsprechend vorgeplant. Leider weiß ich bei den meisten WGT gar nicht mehr, was für Bands ich gesehen habe. Nach 17 WGT schwimmen die Konzerte langsam ineinander. Höhepunkte waren über die Jahre Schandmaul, ASP (als die noch auf dem WGT gespielt haben), Otto Dix, In the Nursery, Sangre de Muerdago, Irfan, Kaunan, Eivoer und Mila Mar.

WGT 2018. Man sehe und staune: ich trage ein Kleid zum zweiten Mal!

2017 und 2018 war ich mit einer großen Gruppe Leute da, die ich von zu Hause mitgebracht habe. War auch lustig, reicht aber erst mal, denn so eine große Gruppe ist nicht nur spaßig, sondern auch anstrengend.

Mitterweile bin ich deutlich gelassener geworden (okay, das kann auch mit dem Altern zusammen hängen). So faszinierend wie die ersten paar Male wird das WGT leider nie mehr sein, und als alter Hase überrascht einen kaum mehr was. Ich hoffe, dieser kleine Ritt durch das Festivalleben hat ein paar Punkte unterstreichen können: ich habe das Kostümtragen wegen der Aufmerksamkeit schnell wieder verworfen, ich trage Kostüme, weil selbst nähen mein Hobby ist, und ich finde mich schön in solchen Kostümen. Und manche meiner Freunde tragen auch gern Kostüme. Die treffe ich dann da auf dem Wave-Gotik-Treffen. Und dann reden wir über Stoffquellen, Schnittmusterquellen und den allgemeinen Zustand der Welt. Ich kleide mich im Alltag heute komplett anders, finde aber, ich muss auch niemandem mehr etwas beweisen.

Und zum Schluss: Ich gehe so in den Club. Immer. Das gehört für mich dann doch dazu. Wenns schon im Alltag nicht klappt.

Schlossführerschulung

Der Blog fing so gut an, mit regelmäßigen Beiträgen, aber seit Januar mache ich zusätzlich zum Vollzeitjob in der Galerie eine Schlossführerschulung. Das ist eine von Schlösser und Gärten Baden-Württemberg gegebene Schulung, die mich am Ende befähigen soll, in einem der Schlösser professionell Führungen zu geben. In freier Mitarbeit, zum Glück, denn das ist schon mit der Schulung ziemlich anstregend. Später kann ich dann, denke ich, meine Arbeitszeiten frei wählen. Diese Schulung bezieht sich diesmal auf die Schlösser Heidelberg, Mannheim und Schwetzingen. Ich möchte jetzt gar nicht über die ganzen Details schreiben, die ich jeweils gelernt habe, das kommt vielleicht später, sondern lieber erst mal ein paar Fotos zeigen!

Treppe
1 Heidelberg: Die Treppe, die zum Schloss führt. Das war an dem Tag, an dem der Orkan über Süddeutschland zog. Ich hatte extra Fahrzeit deswegen eingeplant und dann nieselte es in Heidelberg bloß!

HD 1
2 Heidelberg: Die “spannende” Ruinenseite. Im Vordergrund der Burggraben, dann der Ruprechtsbau, Bibiotheksbau und Frauenzimmerbau. Den englischen Bau habe ich nur angeschnitten. 15. bis 16. Jahrhundert.

Grotte
3 Heidelberg: Ruinen der Arkaden im Hortus Palatinus (“Pfälzischer Garten”). Ich war vorher schon oft in Heidelberg, aber bis zu diesen Arkaden bin ich nie gekommen…. Da gibt es so viele künstliche Grotten! Und dank des Regentages hat es überall schön geplätschert.

HD_2
4 Heidelberg: Heidelberg, dramatisch nach dem Orkan. Der Neckar als graues, Hochwasser führendes Band. Rechts am Rand der Heiligenberg.

Schwetzingen
6 Schwetzingen: Der Mittelbau war zum Ehrenhof hin eine Wasserburg aus dem Mittelalter, was man, finde ich, auch sieht. Alles andere wurde in barocker Zeit angebaut. Schwetzingen war eine reine Sommerresidenz, sprich, nur ein paar Kamine – für heutige Schlossführer und Gäste sehr erfrischend!

Retiraden
7 Schwetzingen: Drei der “Retiraden”, sprich der Toilettenhäuschen, außem am neueren, barocken Teil des Schlosses.

Blick
8 Schwetzingen: Blick vom Dach des Schlossens gen Heidelberg. Schwetzingen liegt genau auf der Achse Königsstuhl-Pfälzer Wald. Letzterer war an dem Tag gar nicht zu sehen, den Königsstuhl sieht man hier schwach.

Lost-place
9 Schwetzingen: Besonderes (unscharfes, da beinah aus der Hüfte geschossenes) Schmeckerchen: Das dritte Geschoss des Schlosses ist noch nicht ausgebaut und nicht öffentlich zugänglich. So sieht ein Schloss aus, bevor es restauriert wird!

Theater
10 Schwetzingen: Das Theater von Schwetzingen wird heute noch bespielt, allerdings befindet sich hinter der barockisierenden Fassade der Bühne eine “moderne” Bühnenmaschinerie aus den 1970er Jahren. Der Publikumssaal ist Original, aber mehrfach über-restauriert, und das sieht man als halbwegs Sachkundiger auch. Dennoch schön!

Beitragsbild: Foto vom Schlossdach Richtung Pfälzer Wald.

Was stand da eigentlich mal?

Die beiden Clubs in Karlsruhe, die noch Gothic-Veranstaltungen und vergleichbares anbieten, sind beide Kellerclubs. Beide mit Zugang über ein leeres Grundstück und beide mit mehr (Nachtwerk) oder weniger (Culteum) schönen Gewölben. Irgendwann hat meine innere Kunsthistorikerin sich gefragt, was da wohl vorher mal stand, wo jetzt nur noch die Kellergewölbe stehen. Vor allem im Fall des Nachtwerks, das ein wirklich großes Gewölbe mit Kreuzrippen hat. Die Lage des Nachtwerks Richtung Rhein und an der Alb verleitete mich, hier einen Bauernhof oder sogar ein Lokal zu vermuten, denn solche Keller wurden maximal bis Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut, vor allem in der Umgebung des noch sehr jungen Karlsruhe. Älter als 1700 kann das Gewölbe kaum sein, da im Karlsruher Raum wenig vor diesem Datum gebaut wurde.

Und damit war ich schon mittendrin in der Recherche. Ein hübscher Magen-Darm-Infekt beschert mir heute einen letzten Ausruh-Tag, an dem ich endlich wieder zum Denken fähig bin, und da dachte ich, schau’n mer mal, was die Archive auf den ersten Blick so zu bieten haben.

Erster Anlaufpunkt für solche Unterfangen: Wikipedia. Als Start für eine Recherche immer gut, nicht immer komplett richtig (vor allem das Stadtwiki), aber manchmal sind in den Einzelnachweisen Archivalien verlinkt.

Also: Culteum Essenweinstraße Nachtwerk Pfannkuchstraße Pfannkuch und nochmal Pfannkuch (Stadtwiki)

Was haben wir gelernt? Den Eintrag zum Culteum muss man nicht ernst nehmen. Bei der Essenweinstraße kristallisiert sich heraus, dass diese um 1903 bis 1909 angelegt oder neu bebaut wurde, da es vier Kulturdenkmale aus dieser Zeit gibt. Zum Nachtwerk wird es interessanter:

Er besteht aus einem großen Gewölbekeller, der zuvor der Firma Pfannkuch Handelsgesellschaft mbH als Weinkeller diente.

Okay, und woher kam dieser Weinkeller?

Die Pfannkuchstraße wurde erst 1976 in Pfannkuchstraße umbenannt, vorher hieß sie Oberfeldstraße. Merke: in den Archiven nach Oberfeldstraße suchen! Die Zentralbäckerei von Pfannkuch befand sich gegenüber dem Grundstück, auf dem heute das Nachtwerk steht, also ist naheliegend, das Pfannkuch das Nachtwerk als Weinlager genutzt hat. Pfannkuch war eine Supermarktkette, die 1896 gegründet wurde, vor dem zweiten Weltkrieg ihr Zentrallager in der Oberfeldstraße baute und 1998 an SPAR verkauft wurde. Mehr dazu in den Wikipedia-Artikeln. Der Stadtwiki-Artikel hatte noch einen interessanten Link in den Einzelnachweisen: klick

pfannkuch_klein
Der Link führte zur BLB, zu einem Adressbuch von 1960. Die Weingroßkellerei befindet sich in der Oberfeldstraße 14, also im Nachtwerk.

Noch etwas fiel mir auf: Der Teil der Pfannkuchstraße, auf dem das Nachtwerk liegt, gehört zu Grünwinkel. Und wie man in dem Link lesen kann wurde Grünwinkel 1784 ein selbstständiger Ort. Also ist meine These vom Gasthof bei Grünwinkel noch nicht ganz ausgeschlossen….

Gruenwinkel_klein
Die Pfannkuchstraße befindet sich im nordwestlich vom Hauptteil Grünwinkels.

Bei weiteren Kartenbetrachtungen: Mühlburg liegt gerade auf der anderen Seite der Alb. Und Mühlburg ist sogar noch älter als Grünwinkel, vorher schon erwähnt, aber 1565 als Sommerresidenz des Markgrafen ausgebaut. Wieder ein Punkt für einen erheblich älteren Gewölbekeller als bisher nachweisbar. Möglich ist es…. (Der liebe Leser sieht, wie ich mich hier in eine These versteige.)

Jetzt heißt es wirklich ins Archiv einsteigen. Das Generallandesarchiv liefert nur einen einzigen Eintrag: Fliegerschaden in: Karlsruhe, Industriegleis Oberfeldstraße 03.09.1942. (hier). Also weiter zum Stadtarchiv. Der Suchbegriff “Oberfeldstraße” liefert 59 Suchergebnisse. 14 in den Stadtakten, 2 in den Amtsbüchern und 42 in den Archivalischen Sammlungen. Die ersten 14 betreffen nicht die Oberfeldstraße 14 und 15, weisen aber auf eine rege Geschäftstätigkeit in der Oberfeldstraße nach dem Krieg hin. Die beiden Amtsbücher befassen sich mit Bürgerausschussvorlagen.

findbuch
So sieht das dann aus, wenn man die Treffer anklickt.

Und da ein Treffer:

S. 213 – 214: Tausch von Grundstücken an der Oberfeldstraße gegen ein Grundstück im Oberfeld mit der Firma Pfannkuch GmbH (Antrag vom 11.12.1929) (03 Stadt Karlsruhe Amtsbücher, Bestand: 3/B Amtsbücher)

Also wurden 1929 irgendwelche Grundstücke für Pfannkuch getauscht! Die größte Überraschung: Ganz unten am Findbuch ist ein kleines pdf-Symbol. Und wenn man da drauf klickt, kann man sich das Amtsbuch anschauen! Ganz bequem von zu Hause aus mit einer Tasse Tee in der Hand! Leider ist der Eintrag nur marginal hilfreich, immerhin weiß ich jetzt, das Pfannkuch seit den 1920ern auf dem Grundstück tätig war. Der Keller müsste da schon gestanden haben – oder aber Pfannkuch hat ihn erst erbauen lassen.

Tausch
Quelle: siehe oben. Dem Antrag wurde stattgegeben.

In den 43 Archivalischen Sammlungsstücken habe ich nur das gefunden:

Dieser fragwürdige Hausfrauennachmittag unterm Hakenkreuz:

Hausfrauennachmittag
Postkarte von 1936. 08 Archivische Sammlungen, 08.10 Plan- und Bildersammlung, Bestand: 8/PBS XIVf – Plan- und Bildersammlung – Firmenansichten

Diverse Ansichten der Firma Pfannkuch aus den 1970ern, hier mal nur zwei:

lkw
Einweihung des neuen Lagergebäudes und erweiterten Fleischwerks der Lebensmittelgroßhandlung Pfannkuch in der Oberfeldstraße 14, 1970. Negativ: A 19 22_5_10

zentrale
“Tag der offenen Tür” mit Volksfest bei der Pfannkuch-Zentrale in der Oberfeldstraße, April 1975. Negativ: A 29 102_2_29

Und das wars mit der Pfannkuchstraße, dem Nachtwerk und der Oberfeldstraße. Keine Hinweise auf ein älteres Gebäude oder ob überhaupt jemand vor der Firma Pfannkuch auf dem Gelände gebaut hat. Nach derzeitigem Stand ist der Keller frühestens in den 1920ern gebaut wurden, und das auch extra für Pfannkuch. (Schade, kein alter Gasthof…)

Und das Culteum in der Essenweinstraße? Der Hinweis, das es in der Essenweinstraße Kulturdenkmale stehen, grenzt die Erbauungszeit eines möglichen Gebäudes auf ab 1896-1900 ein. Die Essenweinstraße hieß schon immer Essenweinstraße. Das Generallandesarchiv weiß nichts, das Stadtarchiv liefert 90 Ergebnisse. 42 von sind Akten, 3 Amtsbücher, 45 Stücke aus den Archivischen Sammlungen. Das Culteum liegt in der Essenweinstraße 9, aber zusammen mit der Hausnummer schränkt das die Suche im Findbuch nur auf Dinge ein, in denen die 9 vorkommt (z.B. 1939). Diesmal fange ich unten an mit der Suche, bei den 45 Archivalien. Leider kein Treffer. Einige Fotos der Bewohner der Essenweinstraße 44, aber nicht mal ein Hinweis auf die Essenweinstraße 9. Weiter zu den Amtsbüchern.

Aha, ein Treffer:

S. 250 – 257: Ausbau von Teilen der Veilchen- und Essenweinstraße zu Ortsstraßen, mit Verträgen, Tabellen und Plan (s. S. 815) (Antrag vom 04.09.1902) (03 Stadt Karlsruhe Amtsbücher, Bestand: 3/B Amtsbücher – Amtsbücher)

1902? Ein Plan? Gibt es diesen Plan in der pdf, die wie bei der Oberfeldstraße angehängt ist?

Das ist fast ein Treffer:

essenweinstr
Plan zum Ausbau der Essenweinstraße und Veilchenstraße von 1902, I.-Num.: 0031, Dat.-Findbuch: 4. Jan. 1902 – 15. Dez. 1904. Zu diesem Plan gibt es beim Antrag eine Liste der Besitzer der jeweiligen Flurstücke.

Leider, leider befindet sich das Grundstück Essenweinstraße 9 vor, also westlich, der Sternbergstraße.

Das nächste Amtsbuch enthält einige interessante Baupläne, z.B. füreine Mädchenschule in der Sophienstraße und eine Blaupause für ein Auto (?), aber leider geht auch hier der Ausbau der Essenweinstraße gen Osten weiter:

Essenwein_1908
Plan zum Ausbau der Essenweinstraße und Veilchenstraße von 1908, I.-Num.: 0033, Dat.-Findbuch: 8. Febr. 1907 – 17. Dez. 1908.

Im dritten Amtsbuch, jetzt von 1910, nach einem Eintrag über die finanzielle Beteiligung der Anwohner am Straßenbau, wieder das:

S. 589 – 592a: Ausbau eines Teils der Essenweinstraße zur Ortsstraße, mit Verträgen und Lageplan (Antrag vom 30.07.1910) (I.-Num.: 0034, Dat.-Findbuch: 15. Dez. 1908 – 23. Mai 1910)

Wer lange sucht wird fündig! Diesmal ist es das Straßenstück zwischen Georg-Friedrich-und Sternbergstraße! (Juhu!) Ich habe die Karte der Einfachheit halber eingenordet, sie ist mit Nord bezeichnet, aber gedreht ins Amtbuch eingebunden:

Essenwein_1910_nord
S. 589 – 592a: Ausbau eines Teils der Essenweinstraße zur Ortsstraße, mit Verträgen und Lageplan (Antrag vom 30.07.1910) (I.-Num: 0034, Dat.-Findbuch: 15. Dez. 1908 – 23. Mai 1910)

Uuuuund, Trommelwirbel: Da ist etwas ungefähr auf dem Gelände des Culteums verzeichnet! Grundstück 6272, Himmelsbach, Anton, Fabrikant!

H-Fuchs-und-Soehne
Quelle: siehe oben, Anton Himmelsbach steht unter 2.c.

Damit habe ich zwei Rätsel gelöst: erstens: Dieser Teil der Essenweinstaße wurde erst 1910 angelegt, der restliche Teil weiter östlich eher. Das Culteum war möglicherweise einfach ein Fabrikkeller. Dazu kommt, das das Culteum eigentlich nur im vorderen Bereich alte Steine hat, der Rest ist unter viel Beton beinah unkenntlich. Der vordere Teil stammt also von vor 1910!

Zuletzt die Akten. Alle 42 Ergebnisse sind Anträge auf Wiederzulassung eines Gewerbebetriebs nach 1945. Viele Kraftfahrzeugwerkstätten, ein Bäcker, ein oder zwei Schlosser, ein Maler, ein Feilenhauer, ein oder drei Schneidereien, ein oder zwei Metzger, ein Uhrmacher, ein Küfer, eine Nähmaschinen-Reparaturwerkstatt, eine Wäscherei, kurzum: das ganze Spektrum der handwerklichen Betriebe des oberen Mittelstandes. In der Essenweinstraße 9 wurde 1946 eine Holzsägerei angemeldet, von einem Hans Herbolsheimer. Ab hier könnte man die Personenstandsregister in Kirchen oder dem Generallandesarchiv befragen. Meine Frage ist jedoch geklärt!

P.S. Ja, normalerweise sollte man sich ändernde Hausnummern miteinbeziehen, das ist hier in Karlsruhe aufgrund des fehlenden Alters aber zu vernachlässigen.

P.P.S. Ich habe mal ein bisschen mit Photoshop herumgespielt und das Culteum befindet sich unter dem rechteckigem Gebäude, auf welches das Wort “Himmelsbach” zeigt. Also, sehr entzaubert, das ganze.

 

Willkommen im Historikerhimmel – Ausflug nach Ludwigsburg

Letztes Wochenende war ein lang anstehender Besuch bei Dieter in Ludwigsburg geplant. Also ab in die S-Bahn und los gehts! Ludwigsburg überraschte mit wundervollem Sonnenwetter und eigentlich war es Samstags noch zu warm für den Wintermantel. Was also machen nach einem Rundgang durch die Stadt, einem Besuch im Buchladen (natürlich) und einem mehr als ausreichendem Essen im örtlichen Pub? Klar, schönes Wetter, Zeit fürs Museum! Das Ludwigsburger Schloss, erbaut ab 1704 und bis in die 1730er imfassend erweitert, verfügt über original erhaltene Fürstenappartements und gleich zwei Corps de Logis. Es gibt zu jeder Schlosshälfte eine Führung, einmal die Seite mit dem Damenappartement, zum anderen das Herrenappartement. Natürlich mussten wir beides anschauen! Hintereinander! Jede Führung geht etwa 90 Minuten, klar machen wir das und dann noch den Schlosspark hinten dran! Wir hatten ja keine Ahnung. Zum Glück war die Dame, die die Führungen gemacht hat, sehr motiviert und hatte ein unglaubliches Wissen. Ich habe sie ständig mit Fachfragen unterbrochen, was die erste Führung ziemlich verlängert hat – das tut mir immernoch Leid! Aber ich musste wissen, ob der Boden noch original ist (ja), ob die Vorhänge noch aus der Zeit sind (nein) usw. usw.

Innen
Man, äh, darf eigentlich nicht im Schloss drinnen fotografieren. Das ist nur ein kleiner Eindruck von dem, was einen erwartet.

Die Räume im Schloss sind ein riesiger Fundus an historischem Wissen, nicht nur über die diversen Herzöge und Könige, die Ludwigsburg als Sommersitz oder Regierungssitz genutzt haben, auch an Raumausstattung und Gemälden bleiben fast keine Wünsche offen. Besonders ins Auge gefallen sind dabei die Möbel aus der Zeit um 1810, die allerdings teilweise aus dem Stuttgarter Schloss stammen. Außerdem hatte es ein paar hochwertige Gemälde der Herrscher, die auch gut Auskunft über die Mode der Zeit gaben.

MagdaleneWilhelminevonWuerr
Magdalene Wilhelmine von Württemberg (1677-1742), hier noch als Tochter des Herzogs von Württemberg, war später die Frau Karl Wilhelms von Baden-Durlach (1679-1738). Quelle

 

Leider war die Gemäldegalerie auf der Seite des Herzogs mehr als durchschnittlich, verglichen mit der Sammlung Karoline Luise von Badens aus etwa der selben Zeit (heute großteils Kunsthalle Karlsruhe), oder eigentlich jeder anderen fürstlichen Sammlung, war in dieser ein kleiner Rubens alles, was hervorstach. Da wurde um des Sammelns willens und nicht um der Qualität willen zusammengekauft. Man kann auch die beiden Kirchen des Schlosses besichtigen, eine davon in all ihrer barocken Pracht. Insgesamt dauerten die Führungen etwa drei Stunden. Man kann das Schloss nicht ohne Führung besichtigen, was angesichts der originalen Ausstattung nur logisch ist.

Wer mehr Eindrücke vom Inneren des Schlosses sehen will, der findet Bilder hier, hier oder hier.

 

Danach ist man aber mehr als abgefüttert mit Informationen, so sehr, das sogar geübte Historiker wie ich nochmal Wikipedia befragen müssen, wer da jetzt eigentlich was hat erbauen lassen und wann Württemberg Königreich wurde (1806). Und das schlimmste: bis alles fertig gezeigt war war es draußen dunkel! Also nix mit Park angucken. Das Schloss sieht aber auch im Dunkeln wunderschön aus und ist hübsch beleuchtet.

Fontaene
Auch im Dunkeln eine Schönheit: Das Neue Corps de Logis.

Also musste der Tag hier beendet werden und die berühmte Schwarz-Weiß-Bar aufgesucht werden. Diese war leider arg voll, sodass wir uns mit Katzentischen begnügen mussten – aber die Cocktails da sind ziemlich gut, und hallo, ist da Alkohol drin! Der geneigte Leser lasse sich nicht von den blumigen Beschreibungen in der Karte irritieren, zwei Cocktails sind mehr als genug! Zusammen mit der freundlichen Kellerathmosphäre – das ist keine Ironie, ich mag Kellerbars – und einer Menge gemachten und gelachten Wörtern ein gelungener Abend.

Am nächsten Morgen dann eine böse Überraschung: kein schönes warmes Herbstwetter mehr, sondern kalt und Dauerregen! Da der Park ja gestern wegen Dunkelheit ausgefallen ist und heute nachgeholt werden sollte keine guten Nachrichten. Also erst mal ausgedehnt frühstücken. Dieter und ich hatten ein Museum noch nicht angeschaut – das Modemuseum. Dieses kannte ich zwar von einem Ausflug mit meiner Freundin Lisa (die man aus dem Artikel zum Freilichmuseum Beuren kennt), aber diesmal wollte ich mir vor allem die Kleider des 18 .Jahrhunderts genauer anschauen. Zu Studienzwecken wie z.B. für das Überkleid (zu welchem es hoffentlich bald Neuigkeiten geben wird).

Notizen
Auch im Modemuseum durfte man keine Fotos machen. Dafür habe ich jetzt einige Seiten meines Notizbuches voll mit Skizzen und Anmerkungen.

Dieter war zum Glück nicht furchtbar gelangweilt von meinem Sermon über Nähte, Stoffarten und französischen Kleidernamen. Mit mir in ein Modemuseum zu gehen ist schon recht mutig. Das Museum ist zum Glück nicht allzu groß, der größte Teil ist zum 18. und frühen 19. Jahrhundert. Leider ist nichts, oder fast nichts, an Kleidung von den ursprünglichen Besitzern des Schlosses Ludwigsburg erhalten. Dennoch liefern die Vitrinen mit den Kleidern ein anschauliches Bild, was man wohl im Schloss getragen hat.

Park
Der barocke Teil des Ludwigsburger Blühenden Barock.

Nach dem Mittagessen in einem der Cafés im Schlosspark hörte es dann auch endlich auf zu regnen. Nasse Herbstblätter sind ja meist farbiger als trockene, so hatte es auch sein gutes. Leider ist vieles im Schlosspark rutschig wenn nass, sodass der “Abgesang mit Heimgang”, der während unseres Spaziergangs stattfand, kein Wunder ist. Der Schlosspark schließt Anfang November, und der Sonntag war der letzte Tag des Kürbisfestes (Reste davon sieht man ein wenig im oberen Foto). Den Märchengarten hatte ich noch nicht gesehen.

Frosch
Ziemlich tolle Froschfontäne, die man über Trittsteine selbst steuern konnte, versteckt in einem matschigem Labyrinth.

Der Märchengarten schwankt zwischen “ist ja süß” und “…..(?)”. Erbaut ab 1959, um mehr Besucher in den Schlosspark zu locken, sind vor allem die ersten Märchen charmant, die neueren (bis 2009) sind nicht so interessant gemacht. Fast alle Märchen kannte ich, nur der Riese Goliath stammte aus der Bibel und war nicht ohne Schild erkennbar.

Der Schlosspark an sich ist sehenswert, es gibt auch einen japanischen Garten, eine Voliere, eine künstliche Burgruine und viele interessante Bäume und Pflanzen. Im Blühenden Barock gibt es sogar nachgebaute Spielzeuge des barocken Hofes! Einige Schaukeln und ein Karussel, die aber leider schon nicht mehr in Betrieb waren, so spät im Jahr.

Bonsai
Der Herbst ist da: Bonsai aus dem japanischen Garten.

Ein Spaziergang durch den Park anfang November macht kalt und nass, bei Einbruch der Dunkelheit wollte ich dann nur noch ins Warme und einen Tee trinken. Bis mein Zug zurück nach Karlsruhe fuhr war ich dann wieder gut aufgewärmt.

Alles in allem: Man kann dieses große Schloss samt Garten nicht in einem Tag schaffen. Es gibt ja auch noch das Schloss Favourite, dass derzeit restauriert und renoviert wird. Der Eintritt ist happig, lohnt sich aber. Bei Regen braucht man Wanderschuhe für den Park. Ludwigsburg an sich ist hübsch und es gibt auch die eine oder andere Möglichkeit, gescheit Konsum zu betreiben. Warum nochmal wohne ich in Karlsruhe?

 

Fotoatelier von Otto Hofmann im Freilichtmuseum Beuren

Wie versprochen folgt der Extra-Artikel über das Fotoatelier aus dem Freilichtmuseum Beuren. Ich fand dieses kleine Gebäude am interessantesten, da es sich erstens baulich von den anderen Häusern unterschied und zweitens sehr genau die Arbeitswelt um 1910 wiedergab. Außerdem zeigte es das Mind-Set der Leute um 1910. Fotografie war damals noch etwas besonderes, und ein Bild von sich zu besitzen war teuer und etwas besonderes. Kein Wunder, dass die Kundschaft von solchen Fotoateliers in ihrer besten Sonntagskleidung abgelichtet werden wollte. Ich fand das Atelier auch interessant, weil ich eine kleine Sammlung alter Fotos besitze, von denen leider keins aus Kirchheim unter Teck stammt, aber einige aus Leipzig und Dresden (komischerweise, denn ich habe alle Bilder im selben Antiquitätengeschäft in Karlsruhe gekauft). Also wollte ich wissen, wie solche Bilder entstanden sind.

Eigene Fotos
Ein Stück meiner eigenen Sammlung. Oben links: junge Frau aus dem Fotoatelier Mürnseer in Karlsruhe. Oben Mitte: Soldat des 1. Weltkriegs aus dem Fotoatelier Sander aus Leipzig. Oben rechts: Ellie Grant aus dem Fotoatelier Fier in Trier, 1889 (steht alles handschriftlich auf der Rückseite). Unten links: Junge Dame aus dem Fotoatelier Bing in Wien. Unten rechts: Brautpaar aus dem Fotoatelier Tschopp in Wil, nach 1896.

Otto Hofmann kam 1882 nach Kirchheim unter Teck. Der gelernte Malergehilfe fand schnell eine Anstellung als Dekorationsmaler. Er macht bald eine Ausbildung zum Fotografen, und 1889 richtet er sich sein Atelier ein: er stellt ein Baugesuch zur Erstellung eines photographischen Ateliers im Garten des F. Stadelmayer, Alleenstr. 64 im Mai 1889. Im Schätzungsprotokoll der Gebäude-Brand-Versicherung wird das Glashaus mit Anbau am 01.01.1891 vermerkt als “neu erbaut, erstmals versichert, 1 fotografisches Atelier heizbar, 1 Vorzimmer”.* Seine Blütezeit erlebt das “Atelier für Photographie” zwischen 1894 und 1914. Otto Hofmann wird zum gefragtesten Fotografen in Kirchheim und Umgebung. Dank der Mithilfe seiner Frau Anna und später seiner Tochter Anna jr. kann er den Kundenansturm bewältigen und gleichbleibend gute Qualität liefern. Leider gehen nach dem Ersten Weltkrieg die Geschäfte schlechter, und als 1930 Anna jr. das Atelier nicht übernehmen kann, führen Otto und seine Frau es bis 1948 weiter. Otto Hofmann stirbt 1950.

Atelier_2
Das hölzerne Ateliergebäude. Die Tür zum Windfang steht offen, ganz leicht kann man das Wort “Atelier” über der Tür erkennen.

Das 28 m2 großeGebäude selbst lässt er mehrfach umbauen, es zieht sogar einmal um. Nach 1950 wird das Glashaus als Gartenhaus und dann als Lagerschuppen genutzt und gerät nach und nach in Vergessenheit. 2002 zieht es dann schließlich ins Freilichtmuseum Beuren um.  Mehr Informationen zu diesen baulichen Vorgängen gibt es bei der Landesdenkmalpflege Baden-Württemberg, und zwar hier.

Von aussen
Dieses Foto habe ich von außen nach innen aufegnommen, deshalb die starke Spiegelung. Das Ateliergebäude ist und war nach Norden ausgerichtet, und mit Vorhängen konnte das Licht im Inneren ideal gestaltet werden.

Bevor der Kunde, der ein Foto von sich sollte, den eigentlichen Fotoraum betrat, kam er in das Cabinet. Dieses diente als Warteraum. Ein kleiner Ofen beheizte Fotoraum und Cabinet, ein Spiegel für letzte Korrekturen an der Frisur steht bereit, un Beispielfotos und Alben bieten Inspiration.

Fotowand
Das mittlere und größte Foto war für mich von Interesse: es zeigt eine große Familie, deren Mutter möglicherweise asiatischer Herkunft war.

Otto Hofmann stellte in seinem Atelier Accescoiries für seine Kundschaft bereit, wie eine Pelzstola oder modische Hüte. Sonntags war Hauptgeschäftszeit, da die Leute ohnehin in ihren besten Sonntagskleidern nach der Kirche unterwegs waren, ließen sie oft ein Foto machen. Anna Hofmann jr. berichtet noch 1985 im Teckboten:

“Wie haben schier Tag und Nacht gearbeitet, auch Sonntags. Sonntags kamen die Leute von den Dörfern in die Stadt, und dann gingen sie auch beim Fotografen vorbei und wollten ein Bild haben.”*

Vorhang
Hatte man im Vorzimmer abgewartet und sich gerichtet ging es weiter in den eigentlichen Fotoraum. Der Hintergrund konnte auf Kundenwunsch angepasst werden, es sind noch fast alle von Otto Hofmanns Hintergründen erhalten! Dieser hier ist allerdings eine Kopie.

Ich vermute, dass Anna Hofmann sr. für die Retusche zuständig war. Es gab, angeschlossen an den Warteraum und auf der verglasten Nordseite bei idealem Licht gelegen, ein kleines Retuschierzimmer. Auch in den Zeiten vor Photoshop wollte die Kundschaft schöner und schlanker aussehen – wenn auch die erste Retusche Fehler auf der Fotoplatte ausgleichen sollte. Die Schönheitsretusche kam erst später dazu.

Retusche
Der kleine Retuschierraum. Es gab in einer Slideshow auch Beispiele retuschierter Fotos zu sehen.

Eine im Atelier vorhandene kleine Dunkelkammer war nicht zum Entwickeln der Fotos gedacht. Die eigentliche Dunkelkammer wird sich im Haupthaus befunden haben. Die kleine Dunkelkammer wurde genutzt, um die empfindliche Platte in die Kamera einzulegen. Wer mehr über Plattenfotografie wissen möchte, findet Informationen hier.

Innen
Leider war das Glasdach den Ateliers undicht, deshalb die Eimer.

Die Atmosphäre im Fotoatelier war einzigartig. Es strahlte eine angenehme Ruhe aus, und dank der perfekten Lichtverhältnisse fühlte man sich irgendwie geerdet. Dazu kam die vorhandene Kamera, die das alte Handwerk darstellte. Abgesehen davon war es von allen Gebäuden jenes, dass sich am ehesten an der Raumeinrichtung der Oberschicht orientierte – Otto Hofmann wollte seinen Kunden ganz eindeutig etwas bieten.

fotoatelier1-lightbox
Was wäre dieser Blogartikel ohne eine Foto vom Fotografenehepaar. Hätte mich auch gewundert, wenn Hofmanns nie ein Foto von sich zu Werbezwecken gemacht hätten.

Damit beende ich meinen Bericht vom Freilichtmuseum Beuren! Dort kann man wirklich noch etwas lernen und einen schönen Tag verbringen. Mehr Informationen zum Freilichtmuseum Beuren gibt es hier.