Eine edwardianische Bluse – Lingeriebluse

Nachdem ich mich so lange mit edwardianischer/victorianischer/wilhelminischer Unterwäsche für Damen beschäftigt habe, gehe ich heute zur Oberbekleidung über. Zu dem Rock und der Jacke aus dem letzten Video würde auch eine weiße Bluse sehr gut passen. Mit Spitze übersähte Blusen hießsen auch “Lingerie-Blusen”, was ich hier schon herausgefunden habe. Typisch für dise Zeit sind die hohen Spitzenkragen und Spitzeneinsätze. So eine Bluse brauche ich auch!

Ich habe ein Schnittmuster aus dem Buch “Making Edwardian Costumes for Women” von Suzanne Rowland verwendet. Leider hab ich entweder etwas falsch gemacht oder das Schnittmuster ist semi-optimal, jedenfalls waren meine beide Frontteile viiiieeel zu groß. So groß, dass ich die Bluse ohne Rückteile hinten hätte schließen können! Und das nachdem ich alles in feine kleine Biesen gelegt habe.

Aber Schritt für Schritt.

Hier zeichne ich das Schnittmuser aus dem Buch auf weißes Seidenpapier ab:

Zum Glück war das Raster auf dem Bild in cm und nicht in inch.

Dann folge ich der Anleitung und schneide zwei 80×80 cm Stoffrechtecke zu, die ich in Biesen lege:

Ich habe mich für das Anzeichnen von Linien auf der Stoffrückseite entschlossen und dafür, jede Falte vor dem Stecken zu bügeln. So werden die Biesen möglichst gerade.

Das dauert eine Weile. Zwei Abende, nur um die Biesen zu stecken.

Die Biesen müssen dann noch angenäht werden und dann wird aus diesem vorbereiteten Stück Stoff das Vorderteil der Bluse zugeschnitten.

Wie oben beschrieben waren die Teile allerdings viel zu groß, weswegen ich am Ende alles auf meiner Schneiderbüste drapiert habe. Das hat ganz okay geklappt, nur habe ich dann zu viel Material weggenommen, weswegen meine Bluse nicht mehr so schön den Taubenbrusteffekt macht, der so typisch für Damenkleidung der Zeit ist. Nun ja.

Ich konnte den fehlenden Umfang etwas durch das Einsetzen von Spitze ausgleichen.

Die Spitzeneinsätze haben überraschend gut geklappt! Etwas, dass ich noch nie gemacht hatte. Vor Kurzem hatte ich ein Video von Cat’s Costumery geschaut und habe eine ähnliche Technik verwendet, nur das meine Spitze nicht aufgesetzt ist. Alle Spitze ist an den Rändern von Schnittmusterteilen oder in der Mitte von aufgeschnittenen Teilen, sodass ich die Spitze einfach rechts auf rechts annähen konnte (siehe Bild). Dann habe ich die Nahtzugaben ganz schmal zurück geschnitten und nach hinten geklappt nochmal abgesteppt. Das Ergebnis ist sehr sauber!

Das Rückenteil, dass aus zwei Teilen besteht die in der Mitte geknöpft werden, habe ich mit jeweils einer Spitze und Biesen verziert. Die Ärmel haben links und rechts Spitze und dazwischen ein Stück besticken Stoff, wie das Frontteil auch. Dann folgen Biesen.

Insgesamt habe ich vier Meter Spitze in zwei unterschiedlichen Breiten verwendet, und mehr hatte ich auch nicht gekauft. Generell hatte ich die Materialien, ein Rest vom Unterhemd aus dem letzten Projekt, einen Baumwollstoff namens “Sirius” und die Spitze ziemlich gut voausberechnet, sodass ich kaum Reste habe.

Ich habe also verwendet: 2 m Baumwollspitze 2,5 cm breit, 2m Baumwollspitze 3,5 cm breit, 2 m Sirius Baumwollstoff, Reste von bestickter Baumwolle. Und eine ganze große Rolle weißes Baumwollgarn. Außerdem Baumwollband für die Druckknöpfe und den Saum.

Bluse in Arbeit – das Vorderteil ist fertig, der Kragen und die Ärrmel sind erst mal nur gesteckt.

Überraschender Weise wird diese Bluse, wie das Buch vom Original berichtet, mit Druckknöpfen geschlossen. Da ich die kleinen dicken Punkte der Druckknöpfe auf der Oberseite der Bluse unsichtbar haben wollte habe ich die Druckknöpfe von Hand auf ein entsprechendes Band genäht und dann in die Bluse eingesetzt:

Am Kragen auf der Rückseite habe ich einen Fehler gemacht (Spitze an der falschen Stelle abgeschnitten), den ich mit Baumwollband zu kaschieren versucht habe. Das sieht nun nicht so ganz schön aus, hat aber den Vorteil, dass ich keine Stäbe einsetzen muss, denn dieses Baumwollband ist sehr steif geraten.

Und so sieht die fertige Bluse aus! Nicht perfekt, und der Kragen schaut an mir auch gerade aus. Den Kragen zu formen war mein größtes Problem, er schlägt an den Seiten immer noch ein bisschen Falten. Aber: Fertig ist manchmal besser als perfekt, die Bluse ist tragbar und gefällt mir vom Design her sehr gut.

Besonders stolz bin ich auf die Spitzeneinsätze! Das sieht wirklich sauber und ansprechend aus. Auch sind meine Biesen einigermaßen gerade, das ist auch fein.

Dank der Druckknöpfe kann ich die Bluse ohne Hilfe anziehen.

Insgesamt ein tolles Projekt, das Schnittmuster habe ich für die Zukunft angepasst. So schnell mache ich aber nicht nochmal so viele Biesen!

Unterwäsche 1890-1900

Eines meiner Nähprojekte für dieses Jahr war, endlich Unterwäsche für ein Set von Kleidung zu machen, dass ich schon lange fertig habe. Das Set besteht aus einem Rock, einer Bluse und einer Jacke (plus Hut und Schuhe), aber alles andere habe ich nie genäht. Diesmal wollte ich es richtig machen.

Das volle Set, Bluse aus Baumwolle, Jacke aus Wolle mit einem Mischgewebe, Rock Mischgewebe und Baumwolle.

Aber was trägt eine Dame zwischen 1890 und 1900 denn darunter?

Das FIDM Museum in Los Angeles hat ein komplettes Set Unterwäsche. Der Link dazu ist hier zu finden. Es besteht aus einem Unterrock in weiß, einem Unterrock in rosa, einem Korsett, einem Bustlepad und unter allem ein Unterhemd.

Auf jeden Fall einen Unterrock. Dieser hier befindet sich im Metropolitan Museum in New York, ist datiert zwischen 1875 und 1925 und aus Seide. Hier klicken für den Eintrag im Katalog. Unterröcke konnten viele Formen (vor allem was die Rüschen anging) annehmen und waren nicht immer weiß. Beispiele hier, dort und hier.

Meine Version ist nicht aus Seide, sondern aus Baumwollsatin, aber in einer ähnlichen Farbe:

Mehr Rüschen und mehr Falten, aber da ich ein Bustlepad hinzufügen werde, sind die Falten auch nötig.

Dann immer ein Korsett, zum Beispiel so eins:

Copyright: © Victoria and Albert Museum, London 2017

Dieses Korsett befindet sich im Victoria und Albert Museum in London. es ist datiert auf 1895-1900, wurde entweder in England oder Deutschland gefertigt und ist aus Baumwolle. Hier sind alle Informationen hinterlegt.

Mein Korsett ist ebenfalls aus Baumwolle, aber in grün und deutlich leichter mit künstlichem Fischbein verstärkt als das Beispiel oben. Korsetts konnten jede Farbe haben, hier zum Beispiel ist ein knallgelbes aus Seide zu finden.

Das Schnittmuster für das Korsett ist hier zu finden.

Fehlt noch das Unterhemd, das hier schon unter dem Korsett zu sehen ist. Ich habe ein Beispiel aus dem Met Museum herausgesucht, das aus Baumwolle ist:

In Frankreich gefertigt und auf ca. 1890 datiert ist auch dieses Unterhemd mit Spitze verziert und hat eine Schleife am Ausschnitt. Spitzen und Schleifen waren damals Trend. Der Link zum Unterhemd findet sich hier.

Zugegeben, mein Unterhemd ist ganz anders geschnitten. Und ich habe Baumwollspitze besorgt, mich dann aber dagegen entschieden, diese auch anzunähen. Ich wollte eine schlichte Version eines Unterhemdes.

Keine Schleifen, keine Spitze. Dafür aber absolut in der modernen Waschmaschine waschbar. Das Schnittmuster ist dieses: Link

Damit der Unterrock und der Rock nicht nach hinten herunterziehen aufgrund des Gewichts der vielen Falten und damit die korrekte Silhouette erreicht wird habe ich noch ein kleines Bustlepad oder Pokissen hinzugefügt. Die Idee dazu stammt von hier und ein Beispiel habe ich hier gefunden:

Der Text zum Bild lautet: “Schwarzes Bustle-Kissen, das mit Rosshaar gefüllt ist. Aus den 1890er Jahren. Mit Nieten versehen, um die Luftzirkulation zu unterstützen. Originale Bindeschnüre.” von www.antique-gown.com

Mein Bustlepad ist aus Baumwolle, hat ebenfalls Belüftungsnieten (wenn auch kleine) und ist zweiseitig, weiß und sschwarz, damit ich es unter hellen und dunklen Röcken tragen kann.

Damit wäre mein Unterwäscheset komplett! Ein Unterrock reicht mir.

Es gibt aber noch einiges mehr an Unterwäsche, das zwischen 1890 und 1900 getragen werden konnte. Da wären zum einen die berühmten combinations, die Unterhemd und Unterhose in einem waren:

Dieses Bild ist von Pinterest (klick), aber die combinations selbst befinden sich im Met Museum: klick

Weiterhin gab es aber auch Unterhosen, die ebenfalls schön mit Spitze verziert waren.

Ein Beispiel, wieder aus dem Met Museum, aus Baumwolle und von ca. 1890. Es gab aber auch sehr viel verziertere Versionen: Link und Link.

Weiterhin, und das ist etwas, das ich gern noch hinzufügen möchte, gab es sogenannte “Korsettcover”, quasi ein Hemd für über das Korsett zum Schutz des Korsetts. Dieses konnte ganz schlicht sein, wie dieses:

Aus Seide und Baumwolle, datiert auf 1885-90, gefertigt in Frankreich und definitv keine Größe S. Ja, die meisten Frauen um 1900 waren ganz wie Frauen heute in allen Formen und Größen gebaut, und die schmale Taille wurde oft durch Auspolsterungen an der Hüfte (siehe Bustle) und weite Ärmel (siehe Bluse und Jacke) optisch erreicht und war nicht tatsächlich winzigklein. Der Link zum Objekt ist hier.

Es gab aber auch Korsettcover, die vor allem im Brustbereich ordentlich mit Rüschen versehen waren, damit die gewünschte Silhouette erreicht werden konnte, die eben mehr Volumen “Obenrum” forderte.

Bevor ich nähe betreibe ich in der Regel einiges an Recherche. Die Schnittmuster, wenn ich eins verwende, sollten möglichst originalgetreu sein, am besten von existierenden Objekten abgenommen. Dennoch nähe ich Sachen um 1900 mit der Maschine, da die Nähmaschine da schon längst erfunden und auch in allgemeiner Benutzung war.

Wer mehr von der Unterwäsche und dem Anzug sehen möchte, ich habe zu diesem Thema ein YouTube-Video:

Dressing an 1890s Working Woman

Viel Spaß beim Schauen und ich freue mich hier und bei YouTube über Kommentare!

Youtube Videos von stephanie.sews

Ich habe seit kurzem einen Youtube-Kanal. Dort gibt es Videos zu meinen Kleidern, vor allem, was alles zu einem Outfit gehört und wie frau es anzieht.

Mein Kanal ist hier stephanie.sews.

Ein Video zu einer besonderen robe á la francaise (english): 18th century.

Das Video zum Schokoladenmädchen auf Deutsch: Schokoladenmädchen.

Das Video zum Schokoladenmädchen auf English: Chocolate Girl.

Viel Spaß beim Schauen!

Schokoladenmädchen Finale

Ich habe mir ein Stativ gekauft. Deshalb ohne viele Worte einige Fotos vom Schokoladenmädchen mit mir in Jacke und Kleid drin.

Zwei Dinge: Ich habe die Fotos im warmen Nachmittagssonnenlicht gemacht, weshalb ich den kühlen Farbton des Pastells nicht ganz treffen kann (ich mag das warme Licht aber sehr). Und Jacke und Rock sind immernoch farblich umgekehrt, aber je länger ich mich mit den Bildern beschäftigte, desto weniger stört mich das. Vielleicht gab es auch solche Schokoladenmädchen.

Links: Stephanie, 2020, Handyfoto und Bearbeitung mit Krita. Rechts: Jean-Étienne Liotard, Das Schokoladenmädchen 1774, , Pastell

Ich stelle mir Nandl mittlerweile als freches Mädchen, aber gut in ihrer Arbeit als Kaffeehausbedienung vor. Nandl war bestimmt nicht schüchtern, hat sich aber an die geltenden gesellschaftlichen Regeln ihrer Zeit gehalten. Leider weiß die Geschichte nichts genaues von Nandl oder Anna.

Übrigens trägt das Schokoladenmädchen all dies hier:

Jacke, Rock, Unterrock, Taschen, Pokissen, Schnürbrust, Unterhemd, Haube und Schürze.

Das Darunter sieht so aus (und ich liebe, dass das prinzipiell ein Unterwäschefoto von mir ist, aber niemand da so warnehmen wird!):

Die Schuhe sind ein nur ersatzweise da, ich besitze ein helles Paar Theaterschuhe in der korrekten Form. Diese sind nur gerade in einer anderen Stadt. Die roten Schuhe mussten jetzt ausreichen.

Ich hoffe, dass sich irgendwann eine Gelegenheit ergibt, dieses Kleid auch gebührend auszuführen (ich denke da an einen Kaffeehausbesuch)!

Schokoladenmädchen 3

Teil 1 der Geschichte und Teil 2 sind hier und hier zu finden.

Und es ist fertig! Ein Gutes hat das ganze Kurzarbeiten und daheim bleiben ja, dieses Projekt war überraschend schnell fertig. Alles neue (außer der Jacke) ist handgenäht, und handnähen dauert wohl doch gar nicht so lang, wie ich anfangs dachte. Mein Youtube-Video-Konsum ist leider damit sehr in die Höhe geschnellt. Ich habe manche Tage bis zu 3,5 Stunden Video geschaut, aber das waren auch die Tage, an denen ich mit der Hand genäht habe. Da ist ein bisschen Unterhaltung hilfreich.

Jedenfalls folgt hier nun das fertige Schokoladenmädchen – reverse, und irgendwann werde ich Fotos nachreichen, auf denen ich das ganze Outfit trage und ein Tablett halte. Das ist gerade aber aus verschiedenen Gründen nicht möglich.

Die Profilansicht, wie sie auch auf dem Pastell zu sehen ist. Die Haube schaut etwas traurig aus, wenn da kein Kopf drin ist!

Ich mag tatsächlich die Schürze doch sehr gern, der weiße Baumwollstoff ist gerade durchscheinend genug. Die Farben sind auf dem Pastell eher matt und gedämpft, aber zum einen ist es eben ein Pastell, zum anderen sind die Kleidungsstücke des Schokoladenmädchens nicht mit modernen Farben gefärbt worden. Ich mit den bunten Farben zufrieden.

In der Frontansicht kann man gut sehen, das die Schürze, wie erwähnt, nicht voll genug ist, aber dünn genug, um Jacke und Rock durchscheinen zu lassen.

Es fehlte am Gesamtbild ja nur noch die Haube. Die Seide dazu war ja schon eingetroffen, nur hatte ich nicht bedacht, das ich für den vorderen Haubenstreifen festes Material brauchte. Da einfach so in den Stoffladen gehen an dem Tag noch keine Option war habe ich mich für einen festen Karton entschieden, den ich noch da hatte. Das gleiche gilt für die Spitze, die nicht füllig genug ist und eventuell nochmal überarbeitet wird – obwohl mir die Spitze an sich gefällt. Das blaue Band musste ich dann auch noch bestellen, da ich nur grünes Band hatte.

Eine Nahaufnahme der Haube im Profil.

Die Haube war dann leider doch kein Projekt, dass ich aus vorhandenem Material bestreiten konnte. Da ich nicht gut im Hauben machen bin und auch keinen Spaß daran habe, bin ich aber mit dem Ergebnis sehr zufrieden! Mit einem Dutt, wie ihn das Schokoladenmädchen wohl drrunter trägt, formt sich meine Haube wie im Pastell von Liotard wiedergegeben. Das blaue Band ist übrigens ausreichend, um die Haube am Kopf zu halten, keine Nadeln notwendig. Daher ist das Band auch lose.

Damit ist das nächste große Nähprojekt fertig! Ich hoffe, dass ich es irgendwann ausführen kann.

Schokoladenmädchen 2

Es geht weiter! Hier ist der erste Teil der Geschichte.

Ich habe mit der Schürze weiter gemacht. Für diese hatte ich noch (ein klein bisschen zu wenig) weißen Baumwollstoff da. Die Schürze ist daher nicht so füllig wie auf dem Gemälde und irgendwann werde ich eine neue machen, aber funktional ist sie auf jeden Fall. Ich habe die Schürze mit einem normalen Reihstich mit Baumwollgarn genäht.

So sieht das aus, wenn ich viel von Hand nähe.

Der aktuelle Stand des Projekts sieht so aus:

Das Fichu oder Schultertuch ist eigentlich leicht gestreift, was ich beim Vergrößern des Pastells entdeckt habe. Eventuell werde ich aber trotzdem dieses vorhandene und ebenfalls von Hand gesäumte Fichu verweden, da es optisch gut passt – und ich sowieso keine genaue Reproduktion mache.

Von vorn wirkt das ganze Ensemble noch mehr wie ein Kleid der mittleren Klasse. Man denke sich nur ein Tablett dazu….

Die Seide für die Haube kam gesten mit der Post – und sie ist absolut perfekt! Genau der richtige Rosaton, und auch der weiße Schimmer entspricht dem Portrait.

Zum Schluss noch einen Einblick in meine Recherche: Hier ist die Doppelseite zum Projekt in meinem Nähbuch, in dem ich Inspiration und Anleitungen gleichmaßen sammle:

Dank dieser Doppelseite ist mir aufgefallen, das das Fichu gestreift ist. Ein bisschen bereue ich ja, das die Farben bei mir umgekehrt sind, allerdings würde das gelb meiner Seide ohnehin nicht direkt zum rosa der Haube passen…. Die Jacke ist doch mehr senffarben als gelb. Andereseits gab es die Jacke nun einmal schon. Wir werden sehen, wohin mich dieses Projekt noch führt!

Angefangen: Das Schokoladenmädchen – invers (Corona-Tagebuch Tag 9 und 10)

Ich habe etwas Neues angefangen! Durch Corona hatt ich einiges an freier Zeit (das werde ich sehr vermissen!). Diese habe ich genutzt, um meine Stofftruhe durchzugehen. Leider war kein geeigneter Stoff für Masken dabei, alles entweder zu dick, zu dünn oder zu grob gewebt. Generell hatte ich nicht mehr viel auf Lager, viele Reste, ein großes Stück Wolle in schwarz (das ist jetzt ein Rock), aber nichts in großen Mengen. Also habe ich Stoff bestellt. Dank der unermüdlich arbeitenden Paketboten kam meine Seide in hellgrün und gelb auch recht fix.

Work in Progress auf dem Sofa, da im Arbeitszimmer Home Office betrieben wurde.

Ich hatte ja hier schon diese blaue Jacke vorgestellt. Die gelbe Seide habe ich für einen Rock zu eben dieser Jacke verwendet! Ich habe American Duchess Anleitung aus ihrem Buch verwendet, im Kapitel The Italian Gown wird genau erklärt, wie man ein Petticoat in historischer Technik näht. Drei Tage später hatte ich also einen gelben Rock.

Noch ein Fichu dazu und eine Haube….

Als ich beides zusammen auf die Puppe gezogen habe fühlte ich mich sehr an den Schokoldenmädchen von Liotard erinnert, nur eben mit umgekehrten Farben.

Das Schokoladenmädchen von Jean-Etienne Liotard, 1743-1745, Pastell auf Pergament, Alte Meister Dresden.

Fehlt noch eine Haube, für die ich schon passenden Stoff online gefunden habe, und Schuhe. Unterkleidung und ein Tablett habe ich schon.

Mal sehen, wo hin mich dieses Projekt noch führt.

Work in Progres: Weiße Robe á la Polonaise

Heute möchte ich mein aktuelles Nähprojekt vorstellen. Ich nenne es das ‘historisch okaye’ Projekt, denn ich bemühe mich um historische Akuratesse, aber ich weiß auch, dass ich Abstriche machen muss. Letzendlich lebe ich eben – zum Glück – nicht im 18. Jahrhundert.

Es soll eine Robe á la Polonaise werden. Meine Recherche zum Thema ist schon Jahre alt, eine Robe á la Polonaise war eins meiner ersten Nähprojekte. Damals aus Vollpolyester, bin ich mit den Jahren schlauer geworden und verwende heute nur noch Baumwolle, Leinen, Seide oder Wolle für historische Kleidung. Mein letzter Versuch einer Polonaise war ein komplett weißes Kleid, das mit entsprechenden Accessoiries den Look gut wiedergegeben hat. Komplett weiße Kleider, ohne Muster, waren damals aber eher nicht üblich. Bisher habe ich auch ausschließlich mit der Maschine genäht, diesmal ist es anders: ich nähe das komplette Kleid mit der Hand. Das geht schneller als erwartet. Ich habe das restliche Jahr 2019 eingeplant, aber so langsam nähe ich gar nicht mit der Hand.

Hier also meine aktuellen Quellen für meine Recherche:

Willow and Thatch – ein Artikel über Kleider mit indischem Blockprint

Lars Datter – sehr hilfreiche Seite, die real existierende Kleider zusammenstellt, zum Beispiel dieses oder dieses

Entgegen meiner auf Instagram verkündetetn Erkenntnis, das ich bisher kein originales Kleid finden konnte, das ein Zugband am Ausschnitt hat, habe ich dann heute dieses Kleid gefunden, das sehr wohl ein Zugband hat. Aber es scheint keine übliche Technik gewesen zu sein.

Dieses Kleid ist die Optik, die ich anstrebe, aber ohne den Rock aus dem gleichen Stoff, ich habe nämlich nicht genug Stoff für einen Rock.

Weiterhin empfehle ich die Publikationen vom Kyoto Costume Institute und American Duchess18th Century Dessmaking“. Letzterem Buch verdanke ich die ersten nicht verdrehten Ärmel meiner Polonaisen-Karriere, es wird dort sehr gut erklärt, wie genau diese Ärmel eingesetzt werden müssen.

Ich habe es geschafft, drei Meter indischen Blockprints auf einem Leinen-Baumwollgemisch zu erwerben. Da hatte ich einfach Glück, das es einen Stoffverkäufer bei den India Summer Days in Karlsruhe gab. Der Druck ist zu groß, um wirklich historisch korrekt zu sein, aber korrekter wird es mit meinem Budget wohl nicht mehr.

Das Schnittmuster habe ich nicht selbst gemacht, ich verwende weiterhin Period Impressions Robe á la Polonaise und Petticoat (PI420), obwohl ich an selbigem sehr viel geändert habe.

So, nun genug der Vorrede, auf zum eigentlichen Projekt:

Zuschnitt der beiden Ärmelteile.

Schon beim Zuschnitt habe ich einen Fehler gemacht: Ich habe die Ärmel nicht umgedreht und damit zwei linke Ärmel zugeschnitten. Zum Glück hat sich das Blockdruckmuster durchgedrückt, ich habe nämlich absolut keine ausreichend großen Reste für einen weiteren Ärmel übrig. Ich habe versucht, das Muster halbwegs abzustimmen, da mir gleich aufgefallen ist, das es eine gewissen Varianz im Druck gibt. Sprich, einfach von der linken Stoffseite zuschneiden und dann zwei gleich gemusterte Teile zu bekommen war nicht. Aber immerhin weiß ich jetzt, das ich wirklich von Hand gedruckten Stoff erworben habe. Mit dem Ärmel muss ich also nun leben. Ich habe mir die Freiheit erlaubt, mit einer Zickzackschere zuzuschneiden, da ich die Stoffkanten erst ganz am Schluss versäubern werde und hoffe, so extremes ausfransen zu vermeiden. Futter ist im Oberteil ein fester weißer Baumwollköper, in Ärmeln und Rockteil dünne Baumwolle.

Der vorhandene Unterbau.

Unterwäsche ist schon vorhanden, ich nähe nicht ein komplettes Set neu und von Hand. Es ist in der Form ein gutes Set, im Material auch, alles Baumwolle, aber eben mit der Maschine genäht.

Der Fortschritt nach etwa drei Arbeitstagen mit jeweils vier Stunden nähen.

Das Zusammenfügen der Teile ging recht schnell. Ich habe Futter und Oberstoff als ein Teil verarbeitet, diese beiden Teile zuerst grob von Hand zusammen geheftet. Stellt sich raus, das diese Technik eher frühes 19. Jahrhundert ist, aber ich meine, einige Originale mit flachem Futter gesehen zu haben. Leider sind viele Kleider online nicht von innen wieder gegeben. Da bin ich dann wohl wieder im Bereich historisch ok.

An der Rückseite sieht man gut, das dass Ausrichten des Musters nicht ganz geklappt hat. Aber ich bin dennoch sehr zufrieden mit der Optik, denn solche Musterrverrutschungen sind durchaus überliefert.

Besonders bei Kleider der Mittel- und Unterschicht konnte, wohl wie bei mir aus Gründen der Stoffmenge – nicht immer auf passende Muster geachtet werden. (Beispiele hier und hier.) Das ist also in Ordnung bei mir. Insgesamt fängt das Kleid an auszusehen wie es soll, also möglichst nah am Original. Ich habe mir übrigens auch echte Kleider in Karlsruhe im Schloss, in Bath, in Ludwigsburg und in Berlin im Museum angsehen (allerdings alles schon vor einer Weile), sodass ich glaube, diesmal richtiger zu liegen als sonst. Handnähen macht natürlich auch etwas aus, alles ist viel feiner als sonst.

Das Band ersetzte ich noch gegen etwas matteres. Die Seitenfalten kommen daher, das der Rockteil noch nicht angesetzt ist und damit die Nahzugabe noch nicht umgefaltet ist. Mit dem Rock sollte dann alles smooth anliegen.

Die Frontansicht ist schon sehr vielversprechend. Ich schließe das Kleid mit einer Schnürung vorn, da ich nicht genug Ösen hatte, habe ich einfach kleine Öschen mit Stickgarn genäht – funktioniert überraschend gut. Ich werde noch schmale Stahlstäbe hinter die Fadenösen schieben, damit der wobbelige Teil an der Front entfernt wird (das sagt auch das Schnittmuster). Die Schnürung ist auch dazu da, mein doch recht schwankendes Gewicht abzufedern. Das komplett weiße Kleid, das ich oben erwähnt habe, gibt es nicht mehr, da ich es absolut nicht mehr passend bekommen habe (und irgendwas komisches mit dem Stoff nach dem vorsichtigen Waschen passiert ist, es lies sich nicht mehr entknittern und war ganz hart?).

Ich habe das halb fertige Oberteil hier über einen existierenden weißen Baumwollrock gezogen, werde diesen aber eventuell ersetzen, vielleicht gegen einen grünen Rock? Aus Baumwolle oder Seide? Auf jeden Fall sollte ich diesen dann von Hand nähen, das ist der aktuelle weiße nicht, und ich finde, man sieht es.

Momentan ist das Oberteil fertig, und es fehlt nur noch der Rockteil. Das werde ich dann einfach nachreichen, wenn alles fertig ist.

Nachtrag: So sieht das fertige Ergebnis aus:

Frontansicht. Es gibt einen passenden Strohhut, den ich nur etwas umdekorieren muss.
Seitenansicht. Und das beendet das Projekt (zunächst).

Nachtrag 30.04.2020:

Ich habe einen Seidenraock gemacht, aus grüner Seide:

Auch wenn das Bild etwas unscharf ist, mir gefällt das Ergebnis sehr gut!

Warum ich auf dem WGT so gern Kostüme trage

Ich gehe seit 17 Jahren auf das Wave-Gotik-Treffen. Ich fühle mich schon lange der Schwarzen Szene zugehörig, denn da passe ich am ehesten hin. Deshalb folgen ab jetzt meine 1000 Wörter zur ewigen Diskussuion über die sogenannte “Kostümfraktion”. Mitgothics werden genau wissen, was ich meine, aber für alle Außenstehenden: Innerhalb der Schwarzen Szene gibt es schon seit Jahren ein Diskussion über verschiedene Kleidungsstile, besonders angefeindet werden dabei die Cyber-Gruftis und die Kostüm-Interessierten. Über erstere kann ich gar nichts sagen, da ich mich mich weder so kleide noch die passende Musik mag. Aber, oh boy, zur Kostümfraktion habe ich eine Menge zu sagen! Das soll kein Verteidungspost werden, sonders es wird ein biografisch basierter Eintrag werden, der zur Diskussion mehr Einsicht und Erkenntnis beitragen soll.

Anfangen möchte ich mit der Musik. Wie oben erwähnt hören Szenemitglieder oft, aber nicht immer, gern passende Musik zu ihrer Kleidung. Grob vereinfacht im Fall vom Beispiel Cybergoth eben elektronische Musik, die sich für mich nach utz-utz-utz anhört, die Kostümfraktion gern Musik, die ich am bestend mit “wallend” beschreiben kann. Ein kurzes, grob vereinfachtes Beispiel zeigt: Es gibt da einen Zusammenhang zwischen Kleidung und Musik. Es folgt, wie so oft in der Schwarzen Szene, ein ABER: Das trifft nicht immer zu. Es gibt auch Leute, die sich jeden Tag des Festivals einer anderen Richtung entsprechend kleiden. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus ist der typische WGT-Besucher aber entweder/oder, bleibt also seinem Stil über die Festivaltage treu.

Was für ein Festival eigentlich? Das Wave-Gotik-Treffen, kurz WGT, findet seit 28 Jahren jedes Jahr zu Pfingsten in Leipzig statt und ist einer der großen Szene-Treffpunkte. Die ganze Stadt wird etwas dunkler, da die Veranstaltungsorte über ganz Leipzig verteilt sind. 20000 Besucher jedes Jahr, und die Bevölkerung kommt gut damit zu Recht. Haben sich wohl dran gewöhnt, die Guten. Man findet sich hier und insgesamt als Szene

[…] aufgrund ähnlich lautender Motive zusammen. Die düster-morbide Ästhetik steht dabei nicht alleine im Vordergrund. Vielmehr ist es das Wissen, in der Szene Gleichgesinnte für den Ausdruck der eigenen Gedanken und Gefühle in Bezug auf das Leben an sich und das Dasein in dieser Gesellschaft zu finden, […].

Kisten Wallraff: Die Gothics Teil 2. Weiss wie Schnee, Rot wie Blut und Schwarz wie Ebenholz, Hrsg. vom Archiv der Jugendkulturen, Berlin 2001.

Und das habe ich aus einem Buch, das auch schon 18 Jahre alt ist und welches an der selben Textestelle darauf verweist, das sich daran seit 20 Jahren nicht viel geändert habe. Und dem stimme ich zu. Ich war 2002 das erste Mal mit Eintrittskarte auf dem WGT, und es hat sich nach ankommen angefühlt. “Diese Leute sind so wie ich!”, dachte sich mein 15jähriges Ich.

WGT 2006, noch in gekauften Sachen und mit den typischen Stahlkappenschuhen zum Mittelalter-Inspirierten Kleid

Von Anfang an spielte Kleidung eine große Rolle. Und damit meine ich mich und die Szene. Woher kommen sonst die ganzen Bilder von Gruftis, die schon im Jahr 1995 Reifröcke trugen? Sich selbst über Kleidung auszudrücken ist so typisch Jugendkultur, hier eben in der düsteren Spielrichtung. Ich habe mich zuerst nur für das Mittelalter interessiert, habe alles gelesen, was über das Leben im Mittelalter finden konnte, und Musik ohne Dudelsäcke fand ich ganz blöd. Noch habe ich meine Kleidung von meinen Eltern gekauft bekommen. Mit der Zeit erweiterte sich mein Musikgeschmack, und das Vorbild anderer Festival- und Clubbesucher brachte mein Interesse an aufwändigeren Kostüme voran. Seit einigen Jahren, und auch bedingt durch das Studium der Kunstgeschichte, gilt mein Interesse der historischen Kleidung von Rokoko bis edwardianisch (englisch)/wilhelminisch(deutsch). Gern mit einem düsteren Twist, aber meist in Farbe und Form korrekt (wen auch noch nicht historisch korrekt von Hand genäht).

In meiner Schulzeit, meiner Ausbildungszeit und am Anfang meines Studiums habe ich noch keine Kompromisse gemacht. Da gehöre ich hin, so kleide ich mich 24 Stunden, 7 Tage die Woche. Bodenlange Röcke und Korsetts im Hörsaal? Check. Aber damit fährt es sich schlecht Rad, und potentielle Arbeitgeber finden das auch nicht so klasse, nicht mal im Kulturbetrieb. Also stimmte ich mein Gruftitum im Arbeitsleben von vornherein etwas herunter und bin damit auch noch nie wirklich angeeckt. Meine Lieblingskritik an der Kostümfraktion ist ja immer “Tragen die das auch im Alltag?!? Wen nein, gilt es nicht!” Wie ich das hasse. Als ob der sonstige Gote immer die Möglichkeite hat, sich die Haare für seinen Job hochzustellen. So sehr kann ich meine Augen gar nicht verdrehen. Ist man nicht selbstständig im Kreativbereich kann man das Argument vergessen. Ich glaube nicht, das ich übertreibe, wenn ich sage, dass die meisten Gothics ihre Arbeitskleidung anpassen müssen. Ich habe derweil kein Problem mehr mit “corporate goth”. Schwarz als Grundfarbe geht immer, und Radfahren kann ich in Hosen auch prima. Daheim kann ich mich dann immer noch in meine Pluderhosen werfen.

WGT 2007, das Interesse an Kostümen steigt. Die Maske habe ich mir aus dem Venedig-Urlaub mitgebracht, genau wie den Schirm.

2007 ist dann etwas passiert: nach einem Urlaub in Venedig, von dem ich mir viele Accessoiries mitgebracht habe (sowas gabs damals nicht einfach so im örtlichen Gothicshop!), bekam ich plötzlich durch meine Kleidung auf dem WGT Aufmerksamkeit. Vor 2007 ging es darum, möglichst viele Konzerte zu besuchen, danach kam das sehen-und-gesehen-werden dazu. Noch ganz harmlos, bisschen Aufmerksamkeit von der Presse ist ja nett.

ARCHIV – Zwei Anhänger der Wave-Gotik-Szene, aufgenommen am 31.05.2009 beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig. Am kommenden Pfingstwochenende wird Leipzig wieder zum Mekka der Gothic-Szene. Rund 20 000 Anhänger der düsteren Musik werden zum 19. Wave-Gotik-Treffen (WGT) erwartet, das das weltgrößte seiner Art sein soll. Foto: Peter Endig dpa/lsn (zu dpa 0104 vom 20.05.2010) +++(c) dpa – Bildfunk+++

2009 dann das dpa-Foto – oben mit dazugehörigem Text. Ich bin ganz froh, das ich und mein Begleiter da maskiert sind, das Bild war ÜBERALL. Ich war angefixt. Da hatten wir beide noch wenig genug Gepäck, um die Reise zum Festival mit der Deutschen Bahn anzutreten, das sollte sich aber schnell ändern.

WGT 2010, mein erstes selbgemachtes Kleid. Hier habe ich herausgefunden, dass ich nähen kann.

Was ich tragen wollte gab es so nicht zu kaufen. Also habe ich mir die Nähmaschine meiner Mutter ausgeliehen und einfach angefangen. Der Stoff stammt aus dem Karstadt, die Dekoration aus dem örtlichen Stoffladen, die Glitzersteinchen hat Mama organisiert. Es gab noch keinen Internetversand für Material speziell für den gotischen Handwerker, geschweige denn Schnittmuster. Das ist eigentlich am Anfang mal typisch für die Szene gewesen: Wollte man etwas, hat man es selbst gemacht. Große Versandhäuser für Gothicmode wie XtraX sprangen zwar auf den Zug auf, aber der Konsens des Selbstmachens blieb – vor allem, wenn man individuell sein wollte.

WGT 2011. Alles außer der antiken Halskette ich selbst gemacht, auch das Korsett. In dem Jahr habe ich 57 Fotos von mir&meinen Freunden vom WGT im Internet gefunden. Dieses Foto ist von Thomas Bunge.

Leider muss ich zugeben, das 2011 für mich die Waage gekippt ist. Jetzt ging es nur noch ums Aussehen. Ich habe jeden Tag ein anderes Kleid getragen, das ich das Jahr über selbst gemacht hatte (wegen der Individualität und so). Mit Nebenjob und Studium ging das auch. Der “Erfolg” zeigt sich schnell, 57 Fotos in fünf Tagen! So hübsch! So toll! So erfolgreich! Schluss mit der Ironie: mir ging es da nicht immer gut. In dem Outfit oben wäre ich auf dem Mittelaltermarkt beinah ohnmächtig geworden, denn ich musste ja die schlankste Taille haben. So ein Blödsinn.

WGT 2012, das Jahr mit 25 Fotos im Internet, eins davon hat es sogar auf die WGT-Webseite geschafft. Ab jetzt schwenke ich um zur historischen Kleidung, hier eine “Chemise á la reine”, 18. Jahrhundert.

2012 hat sich die Kostümfraktion bei mir richtig herausgebildet. Wir reisen mit einem gemieteten BMW an, der bis an die Oberkante mit Kleidung und Zubehör gefüllt ist. Warum, weiß ich nicht. Spaß hats nicht unbedingt gemacht. Das fertig machen dauerte gefühlt länger als der Festivaltag, und die ganzen schönen Kleider zu beaufsichtigen ist anstregend. Ich treffe mich ausschließlich mit Leuten, die auch gern Kostüme tragen.

WGT 2013, alles selbst gemacht, auch der Kopfschmuck.

2013 ist mir dann wieder eingefallen, warum ich eigentlich zum WGT gehe. Ich trage immernoch jeden Tag ein anderes Kleid, aber die Aufmerksamkeit der Leute mit Fotoapparat ist mir nicht mehr ganz so wichtig. Ich trage, was bequem ist, was ich selbst gemacht habe und herzeigen will. Ich treffe mich mit allerlei Leuten, was so weit geht, das ich mit einer Gruppe Stammkunden aus dem Club auf den Stamm-DJ des Clubs treffe. Warum gehen wir alle nochmal zum WGT? Zum Treffen, genau.

WGT 2014, jetzt trage ich nur noch komplett selbst gemachtes nach historischem Vorbild. An dem WGT war es auch unglaublich heiß.

Es wurde wieder besser mit mir und dem WGT. Ich nähe immmer noch das Jahr über Kleidung nach historischem Vorbild für mich, aber Bachelorarbeit und dann der Master und nun zwei Nebenjobs rücken andere Dinge in meinen Fokus. Ich habe einen Heidenspaß, fast alle Tage weiß zu tragen – die Trendfarbe des 18. Jahrhunderts, nicht unbedingt die Trendfarbe des WGT. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen, eine Haltung, die ich seither beibehalten habe. Ich trage, was wettergerecht und schön für mich ist. Endlich habe ich Zeit für das umfangreiche kulturelle Programm des WGT. Ich hatte mir jedes Jahr aufs Neue vorgenommen, mal ein Museum im Rahmen des WGT zu besuchen, und ab jetzt klappt das auch.

WGT 2015, in einem edwardianischen Ensemble.

Mit Kleidung wie dieser macht das WGT 2015 Spaß. In diesem Jahr lasse ich erstmals das “Viktorianische” Picknick am Freitag weg. Ursprünglich als kleine, private Veranstaltung für Bekannte aus der Kostümfraktion von Viona Ielegems geplant, hat sich dieses über die Jahre zur öffentlichen Massenveranstaltung entwickelt. Man braucht kein Bändchen dafür, was Ein-Tages-Gruftis (also Leute, die sich für den einen Tag mal gruftig anziehen), Gaffer und Fotografen en Masse anzieht. Hier gilt auschließlich sehen und gesehen werden. Was auch mal zum Treffen und Inspiration sammeln gedacht war ist nur noch unangenehm. Ich versuche das Picknick seither zu meiden, aber das klappt nicht immer. Letztes Jahr (2018) stand ich mit gepackten Picknickkorb bereit, als ein privates Picknick abgesagt wurde, und dann war ich doch da. War doof.

WGT 2016, wieder in weiß, eine Art Robe á la anglaise diesmal.

2016 war sowas von kalt. Aber ich hatte meine Outfits entsprechend vorgeplant. Leider weiß ich bei den meisten WGT gar nicht mehr, was für Bands ich gesehen habe. Nach 17 WGT schwimmen die Konzerte langsam ineinander. Höhepunkte waren über die Jahre Schandmaul, ASP (als die noch auf dem WGT gespielt haben), Otto Dix, In the Nursery, Sangre de Muerdago, Irfan, Kaunan, Eivoer und Mila Mar.

WGT 2018. Man sehe und staune: ich trage ein Kleid zum zweiten Mal!

2017 und 2018 war ich mit einer großen Gruppe Leute da, die ich von zu Hause mitgebracht habe. War auch lustig, reicht aber erst mal, denn so eine große Gruppe ist nicht nur spaßig, sondern auch anstrengend.

Mitterweile bin ich deutlich gelassener geworden (okay, das kann auch mit dem Altern zusammen hängen). So faszinierend wie die ersten paar Male wird das WGT leider nie mehr sein, und als alter Hase überrascht einen kaum mehr was. Ich hoffe, dieser kleine Ritt durch das Festivalleben hat ein paar Punkte unterstreichen können: ich habe das Kostümtragen wegen der Aufmerksamkeit schnell wieder verworfen, ich trage Kostüme, weil selbst nähen mein Hobby ist, und ich finde mich schön in solchen Kostümen. Und manche meiner Freunde tragen auch gern Kostüme. Die treffe ich dann da auf dem Wave-Gotik-Treffen. Und dann reden wir über Stoffquellen, Schnittmusterquellen und den allgemeinen Zustand der Welt. Ich kleide mich im Alltag heute komplett anders, finde aber, ich muss auch niemandem mehr etwas beweisen.

Und zum Schluss: Ich gehe so in den Club. Immer. Das gehört für mich dann doch dazu. Wenns schon im Alltag nicht klappt.

Das Problemkleid (Gothic-Reformkleid 1881)

Für das WGT 2019 – oder irgendeine andere dunkelromantische Veranstaltung, die in halbwegs sauberen Räumen abgehalten wird – wollte ich mir ein neues Kleid nähen. Gemäß meines neuen Mottos “Weniger Sachen, dafür bessere Qualität” habe ich diesmal einen beonders feinen Stoff ausgewählt, der auch halbwegs historisch korrekt ist, nämlich reine Seide. Teuer ist das auch. Das Schnittmuster hatte ich schon, ich habe “Patterns of History Avantgarde Dress 1881” verwendet. Dieses Schnittmuster ist von einem originialen Kleid, was eine echte Frau in 1881 getragen hat, abgenommen worden, was für mich später noch von Bedeutung sein wird.

Kleines Bild des Schnittmusters. Das ist ganz umfangreich, aber die Anleitung ist nur ein fortlaufender Text ohne Bilder und daher leider ziemlich nutzlos. Generell ist das hier nichts für Anfänger, ich war froh, dass ich immerhin schon mal Blusen auf Futter nach viktorianischer Art konstruiert habe

Ich vergesse jedes Mal, dass ich um einiges größer bin als die historische Frau und hatte dann natürlich zunächst Probleme mit der Länge des Kleides. Zum Glück habe ich ein Probestück aus irgendwelchen Stoffresten gemacht, da konnte ich das Problem wenigstens bemerken. Jedoch habe ich die Probe-Ärmel nur angesteckt und nicht angeheftet. Wie doof, denn die sollten dann noch das zweite große Problem mit dem Kleid werden. Ich habe schon am Probestück alles kleiner im Umfang gemacht und Abnäher größer gemacht, dennoch ist das Kleid mir um die Hüfte einen Tacken zu groß. Obenrum hat es eigentlich gut gepasst, da habe ich dann doch etwas zu viel beim Futter zusammengekürzt und jetzt passt es nur noch gerade so. (Ich sollte mal einen Kurs zum Thema Schnittanpassung machen….)

Work in Progress noch in der alten Wohnung. Soweit, so gut, ein wenig Konstruktionsprobleme mit dem gerafften Frontpanel, sonst lief es da aber noch.

Ich habe mir diesmal von vornherein eine Gothic-Variante fürs WGT gedacht, weswegen ich nicht so extrem viel Wert auf eine historische Arbeitsweise oder Silhouette gelegt habe. Spätestens bei den Ärmel hatte sich das dann auch erledigt: Die geraden Ärmel aus dem Schnittmuster habe ich überhaupt nicht sinnvoll an das Kleid bekommen! Nach zweimal neu zuschneiden und dem Ende des Stoffes in Sicht habe ich getestete und für gut befundene Ärmel aus einem anderen Schnittmuster genommen und siehe da, die passten. Ich habe die später nochmal neu eingesetzt, da ich sie leicht verdreht hatte (der linke Ärmel spinnt immer noch ein bisschen), aber jetzt geht es.

Work in Progress, zweiter Teil. Leider, leider ist mir zu spät aufgefallen, dass die violette Seide nur 1,40m breit liegt und mir am Ausschnitt oben ca. 10 cm fehlen. Da habe ich dann mehr schlecht als recht angesetzt, und musste das Problem irgendwie verdecken. Hier noch mit dem Teststück, einer Halsschleife von einer alten Bluse.

Am Ende war ich mit dem Ausschnitt unglücklich. Nicht nur, dass ich ansetzen musste, ich fand die Form an mir auch ganz arg unvorteilhaft. Die Schleife steht mir sowieso besser, also Glück im Unglück. Zwischendurch habe ich überlegt, ob ich doch Korsett und Pokissen einplanen will, denn die Falten am unteren Rücken wollten auch nicht so wie ich, habe beides dann aber wieder verworfen. Das wurde wohl unter dem historischen Kleid getragen, aber ich wollte ja eben gerade eine leicht tragbare Version des Kleides! Leicht anzuziehen sollte es eben auch sein, es ist vorn zu schließen und ich kann von oben hereinsteigen (kein Haarspray auf meinem teuren Kleid….).

Nächstes Problem: Der Saum. Die Falten vom gerafften violetten Vorderteil wollten sowieso nicht wirklich in einen Saum gehen, obwohl ich die Anleitungsgemäß schön gebügelt habe. Der Saum selbst schleppt hinten ein paar Zentimeter, und mit dem steifen Seidentaft gab das irgendwie eine Art Zelt, das fast von allein steht. Ich wollte ja eigentlich keine Rüschen, deshalb habe ich versucht, den Saum mit Bleiband dazu zu bringen, das zu tun, was ich will, was zuerst auch geklappt hat – zuerst, denn leider, leider, war das Kleid jetzt zu kurz.

In diesem Zustand ist es dann mit umgezogen. Schon anziehbar, die Spitze immerhin mit der Maschine angetackert, aber insgesamt nicht zufrieden stellend. Die Ärmel waren Aufgrund der Drehung auch ein wenig zu kurz, weshalb sie kleine Rüschen aus Resten der violetten Seide bekommen haben. Wirklich letzte Reste, an dem Punkt hatte ich keinerlei Stoffreste mehr.

,Die finale Version, nach dem Umzug. Mit Rüschen und allem drum und dran.

In der neuen Wohnung habe ich das Kleid nochmal fast komplett neu gemacht. Ärmel raus, Saum auf und nochmal abrunden, Ärmel drehen, die Faltenpartie vorn falten und mit der Hand festnähen, Spitze von Hand schön festnähen. Der Saum war jetzt definitv zu kurz. Ich habe am Ende nochmal richtig Geld in einige Meter Seide investiert – der Laden hatte seit September zum Glück nicht alles der violetten Seide verkauft – und eine 12 cm breite Rüsche gemacht. Und wieder Glück im Unglück: Die Rüsche macht das Kleid irgendwie besser! Noch die Falten am unteren Rücken von Hand bändigen und die Schleife, die ich aus dem passenden Stoff gemacht habe, ausrichten, und jetzt ist es anziehbar. Was für en Drama. Es gibt nur ein anderes Kleid, an dem ich so viel geändert habe, und das ist tatsächlich das Regency-Kleid, welches ich unter dem schon vorgestellen Überkleid trage. Das hat aus dem gleichen Grund eine Saumrüsche.

Detail des oberen Bereiches. Sieht insgesamt viel besser aus

Was noch fehlt ist ein wenig Arbeit innen. Durch das viele Ändern habe ich sehr viele offene, unversäuberte Nähte, und obwohl das Futter – das Kleid ist nur im Oberteilbereich gefüttert – aus festem Baumwollstoff ist, muss ich da noch die eine oder andere fusselnde Naht versäubern. Versäubert habe ich mit der Overlock, aber gerade im Schleppenbereich muss da auch nochmal Schrägband um die Nähte, denn gerade diese super sauberen Overlocknähte neigen dazu, den halben Parkweg samt aller Blätter und kleiner Stöckchen einzusammeln und gut fest zu halten.


Die Rückansicht ist jetzt phänomenal. Und ja, da stehen immernoch Umzugskartons in der Wohnung.

Fazit: Seide nehme ich für sowas nicht nochmal, das ist zum einen viel zu teuer, zum anderen fiel mir im Laufe der Arbeit auf, dass ich dafür eine Menge Seidenraupen habe umbringen lassen. Ob das Kleid überhaupt in die Reinigung kann ist noch offen. Ich muss auf jeden Fall eine Chemise drunter tragen, um es halbwegs zu schützen.

Das Schnittmuster ist auch nicht der Bringer. Die originale Trägerin muss klein und um die Hüften sehr umfangreich gewesen sein, aber viel Busen hatte sie nicht. Wenn man, so wie ich, nicht so gut im Schnittmuster anpassen ist, ist das ein echtes Problem. Die Anleitung ist auch ziemlich nutzlos. Da haben sich mal eine Grupper Forscher*innen so viel Mühe gegeben, das ist ein wenig schade, das es am Ende so unpraktisch zu benutzen ist, das Schnittmuster. Aber: Ich habe jetzt ein schönes Kleid! Das wird vermutlich auch mein einziges neues Kleid fürs WGT sein, weswegen ich es stolz tragen werde!