Unterwäsche 1890-1900

Eines meiner Nähprojekte für dieses Jahr war, endlich Unterwäsche für ein Set von Kleidung zu machen, dass ich schon lange fertig habe. Das Set besteht aus einem Rock, einer Bluse und einer Jacke (plus Hut und Schuhe), aber alles andere habe ich nie genäht. Diesmal wollte ich es richtig machen.

Das volle Set, Bluse aus Baumwolle, Jacke aus Wolle mit einem Mischgewebe, Rock Mischgewebe und Baumwolle.

Aber was trägt eine Dame zwischen 1890 und 1900 denn darunter?

Das FIDM Museum in Los Angeles hat ein komplettes Set Unterwäsche. Der Link dazu ist hier zu finden. Es besteht aus einem Unterrock in weiß, einem Unterrock in rosa, einem Korsett, einem Bustlepad und unter allem ein Unterhemd.

Auf jeden Fall einen Unterrock. Dieser hier befindet sich im Metropolitan Museum in New York, ist datiert zwischen 1875 und 1925 und aus Seide. Hier klicken für den Eintrag im Katalog. Unterröcke konnten viele Formen (vor allem was die Rüschen anging) annehmen und waren nicht immer weiß. Beispiele hier, dort und hier.

Meine Version ist nicht aus Seide, sondern aus Baumwollsatin, aber in einer ähnlichen Farbe:

Mehr Rüschen und mehr Falten, aber da ich ein Bustlepad hinzufügen werde, sind die Falten auch nötig.

Dann immer ein Korsett, zum Beispiel so eins:

Copyright: © Victoria and Albert Museum, London 2017

Dieses Korsett befindet sich im Victoria und Albert Museum in London. es ist datiert auf 1895-1900, wurde entweder in England oder Deutschland gefertigt und ist aus Baumwolle. Hier sind alle Informationen hinterlegt.

Mein Korsett ist ebenfalls aus Baumwolle, aber in grün und deutlich leichter mit künstlichem Fischbein verstärkt als das Beispiel oben. Korsetts konnten jede Farbe haben, hier zum Beispiel ist ein knallgelbes aus Seide zu finden.

Das Schnittmuster für das Korsett ist hier zu finden.

Fehlt noch das Unterhemd, das hier schon unter dem Korsett zu sehen ist. Ich habe ein Beispiel aus dem Met Museum herausgesucht, das aus Baumwolle ist:

In Frankreich gefertigt und auf ca. 1890 datiert ist auch dieses Unterhemd mit Spitze verziert und hat eine Schleife am Ausschnitt. Spitzen und Schleifen waren damals Trend. Der Link zum Unterhemd findet sich hier.

Zugegeben, mein Unterhemd ist ganz anders geschnitten. Und ich habe Baumwollspitze besorgt, mich dann aber dagegen entschieden, diese auch anzunähen. Ich wollte eine schlichte Version eines Unterhemdes.

Keine Schleifen, keine Spitze. Dafür aber absolut in der modernen Waschmaschine waschbar. Das Schnittmuster ist dieses: Link

Damit der Unterrock und der Rock nicht nach hinten herunterziehen aufgrund des Gewichts der vielen Falten und damit die korrekte Silhouette erreicht wird habe ich noch ein kleines Bustlepad oder Pokissen hinzugefügt. Die Idee dazu stammt von hier und ein Beispiel habe ich hier gefunden:

Der Text zum Bild lautet: “Schwarzes Bustle-Kissen, das mit Rosshaar gefüllt ist. Aus den 1890er Jahren. Mit Nieten versehen, um die Luftzirkulation zu unterstützen. Originale Bindeschnüre.” von www.antique-gown.com

Mein Bustlepad ist aus Baumwolle, hat ebenfalls Belüftungsnieten (wenn auch kleine) und ist zweiseitig, weiß und sschwarz, damit ich es unter hellen und dunklen Röcken tragen kann.

Damit wäre mein Unterwäscheset komplett! Ein Unterrock reicht mir.

Es gibt aber noch einiges mehr an Unterwäsche, das zwischen 1890 und 1900 getragen werden konnte. Da wären zum einen die berühmten combinations, die Unterhemd und Unterhose in einem waren:

Dieses Bild ist von Pinterest (klick), aber die combinations selbst befinden sich im Met Museum: klick

Weiterhin gab es aber auch Unterhosen, die ebenfalls schön mit Spitze verziert waren.

Ein Beispiel, wieder aus dem Met Museum, aus Baumwolle und von ca. 1890. Es gab aber auch sehr viel verziertere Versionen: Link und Link.

Weiterhin, und das ist etwas, das ich gern noch hinzufügen möchte, gab es sogenannte “Korsettcover”, quasi ein Hemd für über das Korsett zum Schutz des Korsetts. Dieses konnte ganz schlicht sein, wie dieses:

Aus Seide und Baumwolle, datiert auf 1885-90, gefertigt in Frankreich und definitv keine Größe S. Ja, die meisten Frauen um 1900 waren ganz wie Frauen heute in allen Formen und Größen gebaut, und die schmale Taille wurde oft durch Auspolsterungen an der Hüfte (siehe Bustle) und weite Ärmel (siehe Bluse und Jacke) optisch erreicht und war nicht tatsächlich winzigklein. Der Link zum Objekt ist hier.

Es gab aber auch Korsettcover, die vor allem im Brustbereich ordentlich mit Rüschen versehen waren, damit die gewünschte Silhouette erreicht werden konnte, die eben mehr Volumen “Obenrum” forderte.

Bevor ich nähe betreibe ich in der Regel einiges an Recherche. Die Schnittmuster, wenn ich eins verwende, sollten möglichst originalgetreu sein, am besten von existierenden Objekten abgenommen. Dennoch nähe ich Sachen um 1900 mit der Maschine, da die Nähmaschine da schon längst erfunden und auch in allgemeiner Benutzung war.

Wer mehr von der Unterwäsche und dem Anzug sehen möchte, ich habe zu diesem Thema ein YouTube-Video:

Dressing an 1890s Working Woman

Viel Spaß beim Schauen und ich freue mich hier und bei YouTube über Kommentare!

Ein originales Kleid von ca. 1918

Ein kommentiertes Video zu dem Kleid gibt es hier: Youtube Stephanie Sews

Im Juni hatte ich Glück auf etsy: Es wurde ein Kleid von um 1910 für einen Preis angeboten, den ich mir leisten konnte. Und auch in einem Zustand, in dem ich ein Kleid haben wollte. Ich habe es hier gefunden. Mein Kleid wurde super schnell aus den USA versendet, aber es hing dann für drei Wochen im deutschen Zoll fest. Die Zollgebühr war übrigens ganz ok, das komplette Unterfangen hat mich ca. 200 € gekostet. Es ist nicht überliefert, wem das Kleid gehört hat, sicher ist nur, dass es in den USA getragen wurde.

Soviel zur Vorrede. Nun aber zum Kleid! Als erstes: Keins meiner Bücher über Kostümgeschichte hat auch nur eins solcher Kleider erwähnt. Dabei waren weiße Kleider mit Spitze wohl ein absoluter Trend bis in die 20er Jahre! Eine einfache Google-Suche ergibt gleich mehrere Fotos mit Frauen, die solche oder ähnliche Kleider tragen:

Suchbegriffe sind “1910s photography summer”, nicht einmal “white dress” oder dergleichen.

Eine etwas genauere Suche ergibt noch mehr von diesen wunderschönen Kleidern:

Die Suchbegriffe sind “1910s white cotton dress sailors collar”. Beide Suchen durchgeführt am 27.07.2020.

Was mit bei der zweiten Suche aufgefallen ist: Einige der Kleider sind mit “Tea dress”, also Teekleid, bezeichnet. Ich war mir eigentlich sicher, kein Teekleid erworben zu haben, denn ich hatte mich im Vorfeld schon mit Teekleidern beschäftigt (hier), und die weißen, sommerlichen Kleider sind eigentlich keine Teekleider. Und ja, da ich keine Bücher verfügbar habe, folgte eine weitere Internetsuche, die diesen und diesen Link zum Vorschein brachte (beides vertrauenswürdige Quellen, denen ich schon lange folge). Dank Leimomi von The Dreamstress weiß ich nun auch, wie die genaue Bezeichnung für mein Kleid lautet: Ein Lingerie-Kleid!

Das Lingerie-Kleid war in Mode von 1900-1920 und bezeichnet einen Stil von Kleid, das mit Stickerei, Spitze, kleinen Fältchen, Rüschen und Bändern übermäßig verziehrt war (ähnlich wie die übliche Unterkleidung, daher der Name “Lingerie”). Es begann als Teil eines Revivals des 18. Jahrhunderts um 1900 herum (vergleiche Robe á la polonaise) und war inspiriert von der Chemise á la reine. Getragen wurde dieser Typ Kleid vor allem auf Gartenpartys, bei Pferderennen und genrell bei Aktivitäten im Freien. Es wurde immer mit einem Unterkleid getragen, das gern auch pastellfarben sein konnte. Zu einem Lingerie-Kleid gehörte ein passender Hut, manchmal auch Handschuhe und ein Sonnenschirm, je nachdem, wie formal der Anlass war. Das Kleid war weiß und häufig aus Baumwolle, da weißer Stoff waschbar war. Ja, weiß galt als geeignete Farbe für Gartenkleider. Weiß konnte nicht ausbleichen und auch nicht in der Wäsche abfärben, wie die damals verfügbaren Stoffarben. Die Stoffwahl Baumwolle weißt auch auf Sommerkleider für heißes Wetter hin. Lingerie-Kleider wurden als Grundbestandteil der Garderobe einer gut gekleideten Frau betrachtet.

Und ja, es sind vor allem in den USA viele dieser Kleider erhalten. Kleider, die meinem ganz ähnlich sehen, tauchen immer wieder auf Auktionen auf, wie hier bei Augusta Auctions.

Drei Kleider, die 2014 bei Augusta Auctions versteigert wurden.

Bevor ich mein eigenes Kleid vorstelle, möchte ich noch eine kleine Kuriosität zeigen: Ich hatte in meiner persönlichen Sammlung von alten Fotos zwei Bilder von einer Garten- oder Landpartie, in der die Frauen weiße Kleider tragen. Ich denke, sie sind etwas früher als 1914 unterwegs gewesen, allein vom Schnitt der Kleider her, aber dennoch, weiße Kleider für den Sommer – bestätigt!

Foto aus meiner persönlichen Kollektion, erworben vor Jahren in einem Antikladen. Man baeachte vor allem die Dame hinten links. Die Dame hinten rechts trägt eine Lingerie-Bluse, die ebefalls ein Trendkleidungsstück war.
Ich frage mich, was feines in dem Topf war, der Herr vorn rechts hält schon die Kelle bereit!
Hier sieht man vor allem am Kleidersschnitt des Kleides der Dame rechts, dass diese Kleider früher datieren als meins.

Und jetzt Bühne frei für den Star des Blogartikels: Mein ca. 1918 Lingerie-Kleid!

Dieses Foto ist von bonblu von etsy, da meine Kleiderpuppe zu groß für das Kleid ist.

Was ich von diesem Foto allein sagen konnte: Das Kleid ist eher aus den mittleren bis späten 1910er Jahren, denn es hat keine eng anliegenden Ärmel mehr, die Taille ist eher lose und sitzt tiefer als noch bei der Gartenpartie von meinen Fotos, und der Rock ist nicht mehr Bodenlang. Ich würde sogar sagen, dass es von ca. 1918 ist, denn ich habe ein Foto von 1918 gefunden, auf dem eine Dame ein ganz ähnliches Kleid trägt:

Die Dame vorn in weiß in der Mitte, aber ebenso die Damen im dunkleren Kleid neben ihr geben gute Hinweise für eine Datierung meines Kleides. Das Bild habe ich hier gefunden.
Und das ist mein Kleid von hinten, man beachten den Matrosenkragen. Das Foto ist wieder von bonblu.
Flach liegend auf Seidenpapier wirkt es doch ein bisschen traurig. Aber man kann hier schon die wirklich verückte Verschlussvariante sehen, die die Schneiderin gewählt hat.

Ein paar Daten zum Kleid: Es ist aus Bauwolle, aber welche Stoffart genau kann ich nicht sagen. Sehr druchsichtig. Es ist nicht gefüttert im Rockteil, aber das Oberteil ist mit Tüll (!) gefüttert. Es musste ganz sicher über passender Unterwäsche und einem Unterkleid getragen werden, das Unterkleid war definitv nicht Teil des Kleides, denn es war nie ein Unterkleid eingenäht. Der Stoff ist teilweise in sich mit eingewebten Streifen dekoriert, aber die Bandverzierung am Saum und am Gürtel ist nachträglich mit der Maschine angenäht wurden. Die Nähte sind französich. Die Dekoration ist von Hand angenäht, zum Beispiel der Gürtel und die Spitze. Letztere ist mit einem winzigen Saumstich angebracht. Das Kleid hat, innen gemessen, eine 63 cm Taille, 36 cm Rückenlänge und 86 cm Rocklänge, ist also definitv eher wadenlang.

Am Rücken ist das Kleid unterhalb des Gürtels fein gerafft. Dieser Teil ist ebenfalls handgenäht. Innerhalb der Streifen befinidet sich eine Art rundes Band.

Geschlossen wird das Kleid mit einer Variante von Haken und Augen und Druckknöpfen. Erst schließt die Trägerin ein innenliegendes zweites Band, dann das Tüllfutter, dann den Gürtel mit Druckknöpfen und dann klappt das Kleid mit den kleinen puffigen Knöpfen, von denen neun erhalten sind und rein dekorativ in zwei Reihen an der Vorderseite angebracht sind, zur linken Seite und wird mit Druckknöpfen geschlossen. Einer der Ärmel hat einen Druckknopf, der andere nicht, und ich denke auch nicht, dass dieser Ärmel je einen hatte.

Die Vorderseite mit neun Knöpfen, das Foto ist wieder von bonblu.
Ich hoffe, ich habe den Verschluss ausreichend gut erklärt. Hier ist auch die Stelle, bei der ich vermute, dass das Kleid daheim genäht wurde. Es sind einfach so viele Haken und Augen und Druckknöpfe, manche scheinen nachträglich angebracht worden zu sein, und das Kleid hat eben kein Label. Aber die Schneiderin hatte durchaus Ahnung, was sie da tut.
Hier nochmal der Verschluss von außen, auf meiner zu großen Schneiderpuppe.
Der feine Matrosenkragen.
Ärmeldetail – das ist der Ärmel ohne Druckknopf.
Das ist der andere Ärmel mit dem Druckknopf. Der Druckknopf hält den Ärmel zusammen.
Das Kleid hat einen 12 cm breiten, einfach umgeschlagenen Saum. Dieser ist von Hand mit kleinen Geradstichen angenäht.

Insgesamt bin ich sehr glücklich mit meinem Kauf! Je öfter ich das Kleid aus seiner mit Seidenpapier ausgelegten Box hole, desto mehr entdecke ich. Nicht das ich es je tragen würde, aber es ist mir viiieeel zu klein. Unter einem Arm hat es ein Loch und ein paar Rostflecken von den Augen sind auch zu sehen, aber sonst ist es in wirklich gutem Zustand. Eventuell werde ich das Kleid einmal für mich nachnähen, das ist aber ein laaanges Projekt und wird allein für die Stoffsuche viel Zeit in Anspruch nehmen. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich habe ein paar Videoclips beim Auspacken gedreht, es wird also noch ein Video zum Lingerie-Kleid geben.

Wenn es Fragen zum Kleid gibt, schreibt mir gern einen Kommentar oder eine Nachricht über das Kontaktformular!